dem Karl missfiel. Schoppe wurde ohnehin von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die Blumenketten halten besser, denken sie, wenn Galeerenketten durch sie laufen. Er litt es daher nicht, wenn einer "mit zu enger Liebe sich so fest um ihn klammerte, dass er die arme so wenig freibehielte, als trag' er sie in Bandagen von 80 Köpfen". Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene Gesicht des Lektors, der eben darum alles schärfer ins stille Auge fasste.
Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; nämlich seine Intoleranz gegen die "weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase", wie er sagte, gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen Übertreibungen, durch welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt. Einst ging Karl wie auf einer Bühne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem kopf auf und ab und sagte zufällig, dass es der Titular-Bibliotekar vernahm: "ich wurde noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend." Weiter sagt' er nichts; aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine Kanne voll Waldameisen auf einmal über die bibliotekarische Haut und beobachte flüchtig die Wirkungen des Stechens, Kneipens, Beissens: so kann man sich doch einigermassen vorstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die obige Phrasis vernahm. "Herr Hauptmann," (fing er tief-einatmend an) "ich halte viel auf dieser rostigen Tölpel-Erde aus, Hungersnot – Pestilenz – Höfe – den Stein – und die Narren von Pol zu Pol – aber Ihre Phrasis übersteigt meine Schultern.
O Herr Hauptmann, Sie dürfen – ganz gewiss – die Redensart mit Fug gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o Teufel! ich höre ja 30 000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliotek zu Leihbibliotek alle mit aufgeblähter Brust rings umher sagen und klagen, es fasse sie niemand, weder der Grossvater noch die Paten noch der Konrektor, da doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint damit bloss ein Mädchen und das Mädchen einen Jungen; diese können einander fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten; man scher' ihr, wie dem Bären in Göttingen, das tierische Haar ab, kein Blumenbach kennt sie mehr.
Herr v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloss aus Niedrigkeit wohl öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen, die auch immer gegen Himmel stehen, bloss weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man nicht toll werden, wenn man alle Tage höret und alle Tage lieset, wie die gemeinsten Seelen, die Leberreime und Trompeterstückchen der natur, sich durch die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angeschnallten Schweinsblasen fliegen; – wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der Liebe, in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg, und wie sie auf diesem Finkenherd in dieser teatralischen Anziehstube – die dann das Gegenteil wird – ihr Wesen treiben, bis sie kopuliert sind? Dann ist es vorbei, Phantasien und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich wären, sind geholt! Sie laufen von ihnen weg wie Läuse von Toten, ob diesen gleich die Haare dazu fortspriessen. Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sie Witwer und Witwen, so machen sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und die spanische Wand der zweiten Welt. – So etwas, Herr Hauptmann, bringt nun auf, und dann muss in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie leider hören." – –
Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Liebe mit satirischer Galle auslöschte.
In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist, der ihm widriger war als jeder böse; – die Eleganz des guten Hofmanus – sein Anstand, selber in der Einsamkeit – seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als die grossen – seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben – sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am hof und in der Stadt – und seine Kälte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von ihm aufgespannt, so aus, dass es einrunzelte und rissig wurde. Solche Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus; aber sie legen heimlich dem inneren Menschen ein Waffenstück nach dem andern an, bis er hartgepanzert dasteht und losschlägt.
Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien. Die sonst gerade aufsteigende Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten gebogen und glühte wie Lötfeuer schärfer; aber diese Schärfe schrieb Augusti dem Freunde zu. Albano erschien, denen, die er liebte, wärmer, denen, die er ertrug, kälter, als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt; aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl.
Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimütigkeit, dem Grafen eine gute Karte von den Flecken zuzuspielen,