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sagte zu Liane: "Schwester, dein Abendlied!" – "Von Herzen gern", sagte sie; denn sie war recht froh über die gelegenheit, sich mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzückung und die Augen verschweigen.

Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg heraufder Zephyr des Klanges, die Harmonika, flog wehend über die Garten-Blütenund die Töne wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blütenund drüben ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah gross und zärtlich ihre Menschen an. – Hältst du denn dein Herz, Albano, dass es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne wandeln hörst? O wenn der Ton, der im Äter vertropft, ihr das frühe Verrinnen ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl vieler zerdrückter Tage entfliessen: denkst du daran nicht, Albano? – Wie der Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jüngling Zesara bückt sich weit über das Geländer und lässt an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf ein heisses Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu kühlen und zu verhüllen. – Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt; Rabette gehörte unter die Menschen, welche dieses tönende Beben sogar physisch zernagtso wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am wenigsten gerührt war, wenn es andere am meisten waren –; die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süssen; die bittersüsse Wehmut, worein sie in der müssigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere bloss für Verdriesslichkeit gescholten. Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten ihr rüstiges Herz wie von heissen Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt. Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten Blumenbühler Berg hin und her bewegt. Umsonst kämpften die frischen braunen Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz, die heissen Quellen rissen sich durch, und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn stand errötend voll Tränen. Schmerzlichverschämt und bange, für ein Kind gehalten zu werden, zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben waren, drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum Bruder: "Ich muss fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken" – und lief hinab zur sanften Liane.

Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabette es sah, sagte sie mutig: "Ich kanns ja nicht hörenich muss heulenich schäme mich wohl recht." – "O du liebes Herz," (rief Liane, freudig ihr um den Hals fallend) "schäme dich nicht und blick in mein AugeSchwester, komme zu mir, sooft du bekümmert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch eher abtrocknen als meines." – Ein überwältigender Zauber war in diesen Liebestönen, in diesen Liebesblicken, weil Liane wähnte, sie trauere über irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens. – Und nie hat die furchtsame Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette Lianen.

Da kam Albano. Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend, war er ihr nachgeeilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu wischen; "wie ist dir, Schwester?" fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: "Sie haben eine gute Schwester, ich will sie lieben wie ihr Bruder." Die süssen Worte, die so innig gerührten Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin, und er umschloss die Umarmenden und drückte die verschwisterten Herzen aneinander und küsste die Schwester; als er über Lianens bestürztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und blutrot aufflammte. – –

Er musste entfliehen. Mit diesen wilden Erschütterungen konnte' er nicht vor Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie zornige aussahen, aus der Stadt zur Titanide, zur natur, die uns zugleich stillet und erhebet. Er ging vor aufgedeckten Mühlenrädern vorbei, um welche sich der Strom schäumend wand. – Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikasund der Sturm fuhr unter sie, und die feurigen Zentimanen standen aufdie Nacht bauete den Triumphbogen der Milchstrasse, und die Riesen zogen finster hindurch. – Und in jedem Elemente schlug die natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel.

Albano lag, ohne es kaum zu wissen, auf der WaldBrücke Lilars, worunter die Windströme durchrauschten. Er glühte, gleich den Wolken, von seiner Sonne nachseine inneren Flügel waren, wie die des Strausses, voll Stacheln und verwundeten ihn im Erheben – – der romantische Geistertag, der Brief des Vaters, Lianens Auge voll Tränen, seine Kühnheit und seine Wonne und Reue darüber und jetzt die erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschütternd im jungen Herzen hin und her er