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kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.

Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet, durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensäulen flogenbis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoss der Ministerin entführen konnte, die ungern Lianen dem Serein, fünf oder sechs Abendwind-Stössen und dem Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb zurück. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über dem Gartenin allen Blättern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb süsse Düfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frühling, teilte sein holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner Schwester, aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom haus. Liane ging mit der Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.

Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten von der Gräfin Romeiro. Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit. In Juliennens Physiognomie lächelte fast Neckerei. Auf die Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: "Daran erkenn' ich sie; alles will sie lernenalles bereisen. – Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide." Wie freundlich hörte diese zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! "Sie kennen sie nicht?" fragte sie den Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; "Passez, Monsieur" sagte sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. "La voici!" sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen liess. – – Guter Jüngling! es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, dir von den Geistern zugeschickt! – "Sie ist getroffen", sagte sie zu dem erschütterten Menschen. "Sehr!" sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses widersprechende "Sehr" nicht; aber Liane sah ihn an; "Sehr schön und kühn!" (fuhr er fort) "aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht." – "O, das glaubt man den Männern gern", versetzte Julienne; "keine feindliche Macht liebt sie an der andern."

Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei, wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen hatte glänzen und leiden sehen. O er hätte hier mit dieser vom Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem nahen stillen Engel niederknien mögen! – Die zarte Julienne merkte, sie habe ein bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton: "Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhäuschen. – Liane wurde da geheilt, Graf! Die Fontänen müssen auch springen." – " die Fontänen!" sagte Albano und sah unbeschreiblich-gerührt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die im Flötental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Händchen voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; "auch die Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar", sagte Liane. Sie gab der Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; – "noch mehr!" rief sie, als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie "mehr!" – wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.

Man ging über eine grüne brücke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen, und sogleich fuhren draussen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln gegen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Höhe traten!

Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich? – Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen, und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwärmt wird? – Über ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weissen Gewölkesdie Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hinund wenn man sich umkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumenbühl, so liefen grüne LebensFlammen hinauf, und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontänen warfen noch ihr weisses Silber in das Gold. – –

Da schwamm die Sonne mit roter heisser Brust, goldne Kreise in den Wolken ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell.... Julienne sah Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als ob es ihr Bruder wäre, und Karl