dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt – und wenn nun endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so bang und früh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluss mit den blühenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter am Ufer, die du sie hineingestossen, wer will dich trösten? – Aber eine schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen: soll dein Kind auch so untergehen? –
59. Zykel
Es war ein romantischer Tag für Zesara, sogar von aussen; Sonnenfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewissheit drückte und worin nichts Angenehmes war als die Nachricht, dass Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro, deren Vormundschaft er nun schliesse, in dem Herbste (dem italienischen Frühling) nach Italien gehe. Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche seines Herzens empörte seinen Geist, und er fühlte zornig, wie ohnmächtig eine ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche; und fühlte wieder schmerzlich, dass eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. –
So fand ihn eine unerwartete Einladung von der – Ministerin selber – – Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. – Er flog; im Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach – Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatte' ihn früher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht! Mit Tränen hört' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! – –
Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter "zur Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung" – ihr Haus geöffnet, um künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen. Er sagte, "er spedier' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden". Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein, dann Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Reichskammergerichts-Revision, einen Münzprobations-Tag über alles gehalten hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort auf und hier – ab.
"Ach ich fürchte mich drinnen," (sagte sie zu Albano) "sie sind alle zu gescheut, und ich bin nun so dumm!" – Er fand ausser dem Familienkleeblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schöne Medaillon eines schönen Tages für sein gerührtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens weibliche Annäherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit Leutseligkeit und Zarteit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der verlegnen Gespielin zu hülfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand, sie zu umstricken als loszuwickeln; bloss Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrentand.
Sie gab – das Gesicht gegen das brüderliche gewandt, um Mut davon zu holen – von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte dabei, nach der Sitte des volkes, wenn es sein Unglück erzählt. Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm allein strömte ihre Wärme und Rede hin. Sie sagte: sie könn' ihn aus ihrer stube "klavieren" sehen. Liane führte beide sofort darein. Wie reich und erhaben über Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet, von der Tulpe an – keiner blühenden, sondern einem Arbeitskörbchen von Liane, wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist – bis zum Klavier, von dem sie gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für einen halben Walzer! Fünf mässige Kleiderkästen – denn damit glaubte sie auszukommen und der Stadt zu zeigen, dass auch das Land sich kleiden könne – stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn jede Spur der alten liebes-Zeit. Sie liess ihn seine Fenster suchen, aus deren einem der Bibliotekar einen soliden blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn immer zu treffen mit Anspucken.
Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiösen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, dass diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne, wie nach den Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne sammlen? – Sie war überall Auge für jedes Herz; wie eine Mutter vergass sie nicht einmal die Kleine über Grosse; – und sie goss – keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg – der