1800_Jean_Paul_052_107.txt

Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens zerbrechliches Leben den Minister locken könne, um es abzuernten, bevor es abblühe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flüssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart, als Leser aus den mittlern Ständen denken möchten; ich berufe mich auf die vernünftigern aus den höhern.

Augusti und die Ministerin sahen, man müsste in der Abwesenheit des Ministers doch etwas für Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. – Liane muss aufs Land in dieser schönen Zeitsie muss ihre Gesundheit rüsten für die Kriege der Zukunftsie muss den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun der Geburtstag vervielfältigen wirdder Minister muss sogar gegen den Ort nichts einzuwenden haben. – – Und wo kann dieser liegen? – Bloss unter dem dach des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiss. Aber freilich sind vorher noch andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl.

Selber der Leser muss jetzt über einen niedrigen hinüber; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt

über den grünen Markt mit Töchtern

Folgendes ist gewiss: jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muss. Genau und merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikeldenn die elterlichen Grossavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel- oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt –, sondern eine Aktie, mit der man in einer Südsee gewinnt, oder eine Scholle, womit man das Grundstück symbolisch (scotatione) übergibt. "Je ne vends que mes paysages et donne les figures par dessus le marché"103, sagte Claude Lorraine, wie ein Vaterund konnte' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen liess –; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso höher hinauf ist eine Prinzessin bloss ein blühender Zweig, den ein fürstlicher Sponsus nicht der Früchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach haus trägt.

Hat ein Vaterwie unser Ministernicht viel, so kann er die Kinder, wie die Ägypter die Eltern (nämlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfänder oder Reichspfandschaften, die man nicht einlöset, einsetzen.

Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb, auch dieses Handelszweigs bemächtigt; mich dünkt aber, er hätte in seinem untern Kaufgewölbe Spielraum genug, eigennützig und verdammt zu werden, ohne die Treppe hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist ihm fast aller Handel, ausser dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen wenigen Dingen, die auf den eignen Gütern wachsen, abgeschnitten und verwehrt; daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so dass man gewissermassen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag, den in Rom verkäufliche Leute besteigen mussten104, um besehen zu werden.

Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen, dass dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nämlich die schöne Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein weibliches Herz frei unter der Männer-Schar erwählen kann; ihr Staat wird dann, wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nachals vorher in seiner Liebe; nur tritt jetztwie in Nürnberg dem Juden eine alte Frauunserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche HandelsMann selber Neigung für das heimgeführte Subjektwelches ein ungemeines Glück-, und wie Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Männer unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrauwie Kaufleute in Messina105 mit der heiligenin Compagnie; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu prätendieren. – –

Das Vorige schrieb ich für Eltern, die gern scherzen mitkindlichem Glück; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch erstlich über euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machtandlung den giftigen Bleizepter über ein ganzes freies Leben auszustrekken. Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut Freundschaft auf Lebenslang? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fodert ihr für die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? – Ihr tut, als hättet