1800_Jean_Paul_052_105.txt

Albanos Worte in jener Nacht der zauberisch-gerührten Liane in den Mund und machte die Liebe durch so viele Reize gross bis zum Schmerz? –

Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weissen Schwan, der errötend durch das Abendrot des Phöbus schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrüssliche Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptsächlich froh, dass das alles zu seiner Ehre vor falle und dass die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz besonderen epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen müsse.

Er überkam den Kranz. – Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr günstig rezensiert und mit Kronen überdeckt, mit edlen Märtyrerkronen. – Der deutsche Herr hatte und brauchte das laute Recht, die Krönung und den Kronwagen anzuführen. Niedriger Mensch! warum dürfen deine Käfer-Augen über die heiligen Rosen, welche die Rührung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt, nagend kriechen? – Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herrso dass er mit den ältesten Damen badinierte –, als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht phantastisch oder sentimentalisch, sondern durch stilles stetes Nähern und verständige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah! – Der deutsche Herr zog nämlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt daraus zurück.

Die einsame, ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaum des Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den stürmischen Mühlengängen täglicher Assembleen eine leise stimme und ein zartes Ohr behalten, und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen.

Die schöne Seele erriet selten etwaseine schöne Seele ausgenommen –; so leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gegenbild. Bouverots Annäherungen schienen ihr die gewöhnlichen Vorund Seitenpas der männlichen Höflichkeit; und sein Ritter-Zölibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen; – prangen nicht die Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs nur bleich färbt und erst später rot anglüht, wenn sie vor der Sonne liegt? – Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen ungewöhnlichen Ernst wahrnahm. –

Als Froulay das Geburtstags-Kränzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als Blumen steckten, oder das Dornenkrönchen von seinem kopf heruntergetan hatte und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das Geschäft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. "Täubchen" (sagt' er zur Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97) – "Täubchen, lasse mich und Guillemette allein." – Er entblösste jetzt das Ober-Gebiss durch ein eigenes Grinsen und sagte, er hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu hinterbringen. "Sie wissen," (fuhr er fort) "was ich dem deutschen Herrn schuldig bin" – Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rücksicht.

– – Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98, dass sie nie Gold besessen; ich führeohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen dasselbe zu beschwören istnur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie Spiessglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie auch wollten; – wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil (auf etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfällen) gern Gewissen und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu grossen Ausgaben und grossen Projekten, bloss weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht. Sogar für einige Gemälde, die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft, war er jenem noch den Kaufschilling schuldig, den er von der kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er hätte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaftder Güter gehabtdenn unter den jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander –; aber wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallenwie der Adler des römischen Königs99nichts darin. –

Er fuhr fort: "Jetzt höret diese Gêne vielleicht auf. Haben Sie bisher Beobachtungen über ihn gemacht?" – Sie schüttelte. "Ich" (versetzt' er) "schon lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; – j'avois le nez bon quant à celaer hat reelle Neigung für meine Liane."

Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen müssen; er versetzte: "Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernstaft. Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und ihr Glück ist gemacht. Vous êtes je l'espêre pour cette fois un peu sur mes interêts, ils sont les vôtres." –

Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum verhüllet werden. "Herr von Froulay!" (sagte sie nach einiger Fassung) "ich verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahrenin den Neigungenin der Religion"100 – –

"Das ist des Ritters Sache, nicht unsere", versetzt' er, erquickt von ihrer entrüsteten Verwirrung, und warf