ging er zart-erratend auf schönen Umwegen zur zufälligen Eröffnung über, warum seine Schwester so bald hinuntergeeilet.
"Bis zum Eigensinn" (sagt' er) "treibe sie die Aufmerksamkeit für die Mutter – das letztemal merkte sie, dass die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe, sofort hörte sie auf – nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen und alle unschuldigen Tränen darin – besonders glaube sie etwas von der Zukunft, was sie der Mutter sorgsam verdekke." – – "Sie lächelte vorhin für sich," (sagte Albano und legte auf seine Augen Karls Hand) "als sähe sie ein Wesen aus der Schleier-Welt droben." – "Hast du das" (versetzte Karl) "auch gesehen? Und dann regte sie die Lippe? – O Freund, Gott weiss, was sie betört; aber das ist gewiss, sie glaubt fest, sie sterbe künftiges Jahr." – Albano liess ihn nicht weitersprechen, zu heftig aufgeregt drückte er sich an des Freundes Brust, sein Herz schlug wild, und er sagte: "O Bruder, bleibe stets mein Freund!"
Sie gingen hinab. Im Zimmer, das an Lianens ihres stiess, fanden sie ihr Pianoforte offen. Wahrlich das war es, was dem Grafen fehlte. In der leidenschaft (sogar im blossen Feuer des Kopfes) greift man weniger nach der Feder als nach der Saite; und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das poetische. Albano setzte sich – indem er der Tonmuse dankte, dass es vierundvierzig Ausweichungen gebe – mit dem Vorhaben an die Tasten, nun eine musikalische Feuertrommel zu rühren und wie ein Sturm in die stille Asche zu brausen und ein helles Funkenheer von Tönen aufzujagen. – Er tats auch, und gut genug und immer besser; aber das Instrument sträubte sich. Es war für eine weibliche Hand gebauet und wollte nur in weiblichen Tönen, mit Lauten-Klagen reden, als eine Freundin mit einer Freundin.
Karl hatte' ihn nie so spielen gehört und erstaunte über die Fülle. Aber die Ursache war, der Lektor war nicht da; vor gewissen Menschen – und darunter gehörte dieser – gefriert die spielende Hand, so dass man nur in einem Paar Blechhandschuhen hin- und herarbeitet; und zweitens, vor einer Menge spielt sichs leichter als vor einem, weil dieser bestimmt vor der Seele haftet, jene aber zerflossen. Und noch dazu, beglückter Albano! du weisst, wer dich hört. – Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tönen – das wilde Jugendleben schreitet mit rüstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab – das Mondlicht, von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt, heiligt das tönende Zimmer. – Lianens letzte Gesänge liegen vor dir aufgeschlagen, und der anrückende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen – und die Nachtigall in der Mutter nahem Zimmer kämpfet, wie von der Tuba ins Feld gerufen, mit deinen Tönen. – –
Liane trat mit ihrer Mutter erst spät herein, weil das heftige Ton-Getümmel für beide etwas Hartes und Peinigendes hatte.
Er konnte beide seitwärts am untern Fenster sitzen sehen, und wie Liane die Hand der Mutter hielt. Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und ab und stand zuweilen an ihm still. Albano trat in dieser Nähe der stillen Seele bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus, wo nur wenige Töne sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen. Der künstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorläufer der melodischen Charitinnen; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren Seelen an. Ihm war bis zur Täuschung, als sprech' er laut mit Lianen; und wenn die Töne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust: meinte er nicht Lianen und sagte ihr: wie lieb' ich dich, o wie lieb' ich dich? Fragt' er sie nicht: was klagest du, was weinest du? – Und sagt' er nicht zu ihr: blick in dies stumme Herz und flieh es nicht, o Reine, Fromme, Meine?
Wie errötet der Gute, als plötzlich der liebkosende Freund ihm die hände um die Augen legte, die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe übergeflossen waren! – Karl trat heftig zur Schwester, und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte der Liebe. Dann flüchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange, bis die Augen getrocknet waren für den beleuchteten Abschied – langsam liess er die Wiege unsers Herzens ausschwanken und schloss so mild' und leise und verstummte ein wenig und stand langsam auf. – – O in dieser jungen stummen Brust lebte alles, womit die herrlichste Liebe segnen kann!
Sie schieden ernst. – Niemand sprach über die Töne – Liane schien verklärt – Albano wagt' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht, mit einem Auge, das sich so kurz vorher gestillet hatte, lang' auf ihren milden blauen zu ruhen. – Ihre gerührte Seele drückte sie, wie Mädchen pflegen, bloss am Bruder durch eine heissere Umarmung aus. – Und dem heiligen Jüngling konnte sie scheidend den Ton und den blick nicht verhehlen, den er nie vergisset. –
Er erwachte oft in dieser Nacht und wusste nicht, was sein Wesen so selig wiege – ach der Ton war es, der durch den Schlummer nachklang, und das liebe Auge, das ihn noch in Träumen anblickte.
Zwölfte Jobelperiode
Froulays Geburtstag und Projekte – Extrablatt –
Rabette –