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himmels und aller Sterne und auf den magischen Statuen-Olymp, nach welchem er so oft sehnsüchtig aufgeblickt: so schlug die gewaltsam zusammengezogne Brust elastisch auseinander; wie rückten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen zusammen, wie waltete der Frühling und die Nacht! –

Der alte Gärtner, der bloss aus dankbarer anhänglichkeit ans "seelengute leutselige fräulein" mit seltener Mühe dem cereus serpens solche Früh-Blüten abgenötigt hatte, stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen, in der Tat aber aufs grösste Lob aufsehend, mit einem braunen, gezackten, punktierten und ernsten gesicht droben, das mit keinem Lächeln zum Lobe ausfoderte.

Liane dankte dem Gärtner, ehe sie an den Blüten war; dann lobte sie diese und seine Mühe. Der alte Mann wartete bloss, bis jeder andere von der Gesellschaft auch erstaunet war, darauf ging er schläfrig mit dem festen Glauben fort zu Bette, Liane werde' ihn morgen schon so bedenken, dass er zufrieden sein müsse.

Der ausländische Nektarduft, der in fünf weissen, gleichsam mit braunem Blätterwerk bekränzten Kelchen perlte, ergriff die Phantasie. Die Wohlgerüche aus dem Frühling eines heissern Weltteils zogen sie in entlegne Träume hin. Liane strich mit leisem Finger, wie man über Augenlider gleitet, nur über die kleinen Duft-Vasen, ohne das volle Gärtchen von zarten Staubfäden, das sich im Kelche drängte, raubend anzustreifen: "Wie lieblich, wie so gar zart!" (sagte sie kindlich-froh) – "Wie fünf kleine Abendsterne! – Warum kommen sie nur nachts, die lieben scheuen Blumen?" – Karl schien eine brechen zu wollen. "O lass sie leben" (bat sie) – "morgen sind sie ohnehin tot. – Karl! so welkt so viel", setzte sie leiser dazu. "Alles!" sagt' er barsch. -Aber die Mutter hatte' es wider Lianens Willen gehört: "Solche Sterbe-Gedanken" (sagte sie) "lieb' ich an der Jugend nicht, sie lähmen ihr die Flügel." – "Und dann" (versetzte Liane, es mädchenhaft-umkehrend) "bleibt sie eben; wie der Kranich in Kleists Fabel, dem man die Flügel brach, damit er nicht fortzog mit den übrigen ins warme Land."

Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht durchsichtig genug. Aber später hatte das gute Mädchen Mühe, so auszusehen, wie die sorgsame Mutter es wollte. Die betäubende Vorstecklilie der Erde, der Mondund das ganze blendende Panteon des Sternenhimmelsund die mit Nacht-Lichtern durchbrochne Stadtund die majestätischen hohen schwarzen Alleenund auf Fluren und Bächen das milchblasse Lunens-Silber, womit sich die Erde in einen Abendstern einspannund die Nachtigallen aus fernen Gärtenrührte denn das nicht jedes Herz allmächtig an, dass es weinend seine sehnsucht bekennen wollte? Und das weichste, das jetzt unter den Sternen schlug, hätte vermocht, den Schleier ganz über sich zu ziehen? – Beinahe! Sie hatte' es vor der Mutter gewohnt, die Träne, eh' sie wuchs, sozusagen mit dem Auge abzutrocknen.

sonderbar erschien sie in der nächsten Minute dem Grafen. Die Mutter sprach mit dem Sohn. Liane stand, fern von jenem, mit halbverwandtem, vom mond ein wenig entfärbtem Gesicht neben einer weissen Statue der heiligen Jungfrau und blickte in die Nacht. Auf einmal schaute und lächelte sie an, gleichsam als erschien' ihr ein lebendiges Wesen im Äter-Abgrund, und die Lippe wollte reden. Erhabner und rührender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet; das Geländer, in das er griff, ging hin und her (aber er selber regte es), und seine ganze Seele rief: heute, jetzt lieb' ich die Himmlische am höchsten, am innigsten. So sagt' er neulich auch, und so wird er öfter sagen; kann der Mensch mit den unzähligen Wogen der Liebe Höhenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen, die am meisten stieg? – So glaubt der Mensch stets, wo er auch stehe, in der Mitte des himmels zu stehen.

Ach in dieser Minute wurde' er wieder überrascht, aber eben mit einem Ach. Liane ging zur Mutter, und als sie an der Hand der Gefälligen ein kleines Schaudern fühlte, drang sie in sie, aus der Nachtluft zu gehen, und gab nicht eher nach, als bis sie mit ihr die Zauberstätte verliess.

Die Freunde blieben zurück. Nach Albanos Rechnung wär' es freilich nicht zu viel gewesen, hätte man sich in dieser offenherzigen Zeit, worin unsere heiligern, vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren, bis gegen Morgen auf dem dach aufgehalten. Beide gingen eine Zeitlang schweigend auf und ab. Endlich hielt sie der Rauchaltar der fünf Blumen fest. Albano fasste zufällig die nahe Statue mit beiden Händen und sagte: "An hohen Orten will man gern etwas hinabstürzensogar sich oft. – Und hinein in die Welt, in weite ferne Länder möchte' ich mich auch stürzen, sooft ich in das Nachtrot dort schaueund sooft ich unter Orangerie-Blüten komme, wie unter diese. Bruder, wie ist dir? – Der Himmel und die Erde breiten sich so aus: warum soll denn der Geist so zusammenkriechen. ?" – "Mir ist ebenso," (sagt' er) "und im Kopf hat der Geist überhaupt mehr Gelass als im Herzen." Aber hier