Vergeblichkeit?" (nahm Roquairol voll Gleichgültigkeit gegen den Lektor, der eben hereintrat, das Wort und voll Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester zuweilen unterwarfen) "Genug, wenn etwas ist. Über der Wüste singen die Vögel und ziehen die Sterne, und kein Mensch sieht die Pracht. Wahrlich überall geht in und ausser dem Menschen mehr ungesehen vorüber als gesehen. Die natur schöpft aus ewigen Meeren und erschöpft sich nicht; wir sind auch eine natur und sollen schöpfen und ausgiessen und nicht immer bekümmert dem wässernden Nutzen jedes Strichregens und Regenbogens nachrechnen. – Sticke nur fort, Schwester!" beschloss er ironisch.
"Die Prinzessin kommt heute!" sagte der Lektor, und entzückt über die Hoffnung, küsste Liane der Mutter die Hand. Sie sah oft und vertraulich von der Stickerei zu dem Hofmann auf, der sehr einheimisch zu sein schien, aber, als ein feiner Mann, ebenso geehrt und ehrend war, als steh' er zum ersten Male da.
Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke Freude; eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so nötig wie den Franzosen zur Oper, und eine Frau, die da war, unterstützte ihn so sehr im Dozieren, wie Kant ein Knopf, der fehlte92. Er nahm, um seine Schwester von den Blumen abzuführen, einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn, wie ein kleines Morgenrot, den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin über; – da gingen die Türen auf und Julienne herein – Liane verwickelte sich in die kleine Morgenröte unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen. – Albano reichte ihr mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers – und sie gab ihm diesen und einen weiten lieben blick dazu – – o wie glänzte seiner trunken!
Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstärkte sie mit seinen; und seine Schwester säete gleichsam die Blumen, mit welchen die Zephyretten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum Nein Ja. Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig, ein Zeichen, dass auf ihrer DisputierArena unter den Sandkörnern noch die Goldkörner lagen, indes für Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-, März- und elysische Feld. Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so kühn, als nur Fürstinnen dürfen und pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge blitzte, schlug sie es nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten Besuch in Blumenbühl und fragte nach den Seinigen. Er machte jetzt gern etwas, das so feurig war wie sein Inneres – Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten Ton, Personen – Sachen darf man – mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln. Indem er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so ernst und tief in sein Auge, dass sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgetanzt. Als er sein Bestes getan im Nachschildern: sagte sie, sie habe kein Wort verstanden, man müss' es lieber exekutieren.
Und hiemit werden plötzlich sämtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball von zwei Paaren geführt. Sehet die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei Flügel an einer Taube harmonisch auf- und niederfliegen! Albano hatte erwartet, Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walleten gleich Wellen leicht neben- und ineinander, und keine Regung war zu viel und keine zu schnell.
Daher wünscht' ich so oft, die Mädchen tanzten völlig und immer wie die Grazien und die Horen – nämlich bloss miteinander, nicht mit uns Herren. Der jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem männlichen Schwalbenzickzack sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschönert den Tanz nicht beträchtlich.
Liane nahm eine neue äterische Gestalt an, wie etwa ein Engel unter dem Zurückfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt. Für die weibliche Schönheit ist der Tanzboden,was für unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein. Glücklicher Albano! der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen! du bekommst genug. Und siehe nur dieses freundliche Mädchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend für den Tanz erheitert, und das doch wieder so rührend erscheinet, weil es ein wenig erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern, die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten gesicht, hopsen, abfallen und schleifen. Julienne flieht freudig hin und her, und es ist schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor Lianens oder Albanos. –
Als es vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vornen anfangen – Liane sah ihre Mutter an – und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkühlung. Es ist Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis sie mit ihrer Nebenseele, ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Maiund Abendgarten hatte pflücken können. Sie kamen verändert zurück, voll weichen Ernstes. Die schönen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so ähnlich wie im Tanze und