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jetzt hier in gleicher Absicht ein. Ich habe gebetet und gelobt. Deine Andacht, schöne Seele, will ich nicht stören. Bete auch du, und lass mich mit dir glücklich durch die Erhörung unserer gemeinschaftlichen Bitten sein."

Er führte sie zu dem Altar. Sie warf sich betend nieder. Er verliess die Kapelle.

Unter einer himmelanstrebenden Zypresse fiel er auf die Knie, streckte seine hände gegen Himmel, betete tränend und ohne Worte.

So fand ihn Dianora noch, als sie aus der Kapelle zurückkam. Sie näherte sich ihm leise, bog sich zu ihm herab, umschlang ihn sanft und küsste seine Andacht glühende Stirn.

"Gewiss, Rinaldo!" – sagte sie, – "du bist ein guter Mensch geworden. Trostreich und herzerhebend war mein Gebet für mich. Die Hochheilige lächelte mir Erhörung. Süsser Trost erfüllt mein Herz. Hat der Himmel dich zu Gnaden angenommen, wie könnte Dianora dich verstossen? Mein Herz ist dein. Die Liebe wird uns nicht ohne Freuden, nicht ohne Trost lassen."

Er begleitete sie in die Villa. Die alte Magd erfuhr, dieser verkleidete Bauer sei ein zufällig gefundener Verwandter ihrer Damen, den Laune und Hang zur Einsamkeit nach Pantaleria und der Zufall zu ihnen geführt habe. – Eben dies wurde auch Frau Marten entdeckt, die sich darüber ebensosehr freute als verwunderte.

Und nun nahm alles eine andere Gestalt an. – Rinaldo blieb nicht mehr Frau Martens Hausgenosse; er zog zu den Damen in die Villa. Das ganze Hauswesen erhielt eine neue Einrichtung.

Einst erkundigte sich Rinaldo bei Violanten nach der wahren Ursache ihrer schnellen Abreise aus dem schloss der Gräfin, wo ihm der Schwarze zum erstenmal erschienen war, und vernahm mit Erstaunen, dass eine fürchterliche Drohung von eben diesem schwarzen Abgesandten sie zu der Abreise bewogen habe. Man erklärte sich von beiden Seiten über die Vorfälle mit dem Schwarzen und seiner Rotte und konnte endlich doch nicht anders vermuten, als dass das Unerklärbare in der Sache in einer Verbindung dieser Gesellschaft gegen den Staat liege und dass man sich des gefürchteten Räuberhauptmanns nur als einer Maschine zur Ausführung eines entworfenen Plans habe bedienen wollen, dessen wahrer Endzweck ebenso verborgen als die Vermutung der geheimen Machination beinahe unbezweifelt war. Violanta hatte anfangs sogar die Meinung gehegt, die Schwarzen möchten verdeckt mit Rinaldini zu einem Zwecke spielen, und es sei ihren Plänen entgegen gewesen, ihn eine Bekanntschaft erneuern zu lassen, deren Einverständnis ihren Endzwecken ganz entgegen gewesen sei.

Rinaldo fand keinen Beruf, sich über ein Geheimnis den Kopf zu zerbrechen, welches in seiner jetzigen Lage gar keinen Enträtselungsreiz für ihn haben konnte; er hielt sich, viel zu glücklich, an die Gegenwart, die ihn alles leicht vergessen lassen konnte, was geschehen war. Er stand jetzt als ein ganz anderer Mensch in einem Kreise, welchen Liebe und Freundschaft um ihn gezogen hatten, und verlor aus seinen Blicken die Aussicht nach den Gegenständen unangenehmer Rückerinnerung. Weder die Szenen der verübten Gewalttätigkeiten in den Apenninen, noch die begebenheiten in Kalabrien und Sizilien konnten sein Nachdenken fesseln, alles war für ihn vergangen, war ein Schauspiel, welches er ehemals hatte aufführen sehen, in welchem er sogar selbst mitspielende person gewesen war, aus welchem er aber seine Rolle vergessen hatte oder wenigstens ganz vergessen wollte. So wie er jetzt lebte, wünschte er sich die ganze Zeit seines Lebens gelebt zu haben, und wenn er sich ja mit Wohlgefallen dem Andenken an Szenen der Vergangenheit überliess, so waren es jene, die in die Tage seiner frohen Jugendzeit fielen, in denen er seine Zeit in ländlicher Einsamkeit, auf der Weide, hinter seinen Ziegen zugebracht hatte.

Als dem Jüngsten seiner sechs Geschwister fiel ihm, als er kaum 10 Jahre alt war, das Los, die Ziegen seiner Eltern, in nicht geringer Dürftigkeit, zu hüten. Das Patriarchalische dieses Geschäfts fesselte ihn, als er grösser wurde, nicht mehr so sehr, dass er sich nicht Wünschen anderer Art, als Ziegenhirt zu bleiben, hätte überlassen sollen. Er war sehr wissbegierig und fühlte Trieb in sich, einst mehr als seine Brüder im Weinberge oder Ackerfelde zu leisten. Das brachte ihn auch dazu, den Umgang eines Eremiten zu suchen, der in jener Gegend wohnte, wohin er seine Ziegen auf die Weide trieb. Der Klausner, Onorio genannt, war ein Mann von Einsicht und Menschenkenntnis, der sein Einsiedlergewand nicht beständig getragen hatte. Er war der Welt erst entflohen, als er sie, wie er sagte, verachten gelernt hatte.

Dieser Mann nahm sich die Mühe, den wissbegierigen Jüngling zu unterrichten. Er war sein Lehrer im Lesen und Schreiben; er erzählte ihm viel und gab ihm Bücher zu lesen, die der junge Rinaldo in seiner Einsamkeit verschlang. Diese waren eine Übersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch, ein Livius, ein Curtius, Ritterbücher und Geschichtsschreiber Italiens. Alles, was Rinaldo in diesen Büchern las, waren Taten, die seiner empfänglichen Einbildungskraft einen romantischen Heldenschwung gaben, der den sichtbarsten Einfluss auf seine Vorstellungen, Entschlüsse und Handlungen hatte.

Siebzehn Jahre war er alt, als Onorio, sein Freund und Lehrer, einst unvermutet verschwand und in einem hinterlassenen Schreiben ihn zum Erben seiner wenigen Habseligkeiten ernannte. Alles, was Rinaldo jetzt erhielt, nur die Bücher nicht, machte er zu Gelde und ging damit unter die Soldaten. Hier wollte er sein Ideal realisieren. Es war umsonst. Die Maschinerie seines Heldenlebens konnte ihn unter den päpstlichen Heerscharen nicht halten. Er ging davon und nahm Dienste in