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Rinaldo, – "und ich bin glücklich! Glücklicher auf dem kleinen Pantaleria als ich in der grossen Welt es sein durfte. Beneiden könnte ich mich selbst um dieses Glück, wolltest du, Geliebte, es mir nicht missgönnen?"

Die alte Magd trat mit wasser in das Zimmer. Violanta ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie ins Vorzimmer.

Als Rinaldo sich mit Dianoren allein sah, näherte er sich ihr, ergriff ihre Hand und stürzte vor ihr nieder. Sie blickte mit Augen voll zärtlicher Wehmut auf ihn herab und seufzte. Er benetzte ihre Hand mit Tränen, bedeckte sie mit tausend Küssen und drückte sie an sein klopfendes Herz. Dianorens Tränen flossen schnell und stark. Heftig arbeitete ihr klopfender Busen unter dem leichten Flor. Ihrer sich selbst nicht bewusst, neigte sie sich hinab, und ihre Wange glühte an der seinigen. Magnetisch flogen ihre Lippen aneinander. Rinaldo jauchzte laut:

"Dieser Kuss der Vergebung, dieses herrliche Siegel der Verzeihung, reiniget mich von meinem Vergehen und segnet mich zu einem neuen Lebenswandel ein! – Du siehst, geliebte Dianora, ich bin abgeschieden von der geräuschvollen Welt. Auf dieses kleine Eiland floh ich, um mir selbst und der Ruhe zu leben. Ja, der Himmel selbst schenkt Wohlgefallen meinem frommen Entschluss. Meine Bitten sind erhört. Er hat mir vergeben, und zum Pfande der Versöhnung schenkt er dich mir wieder. Du bist wieder mein, und ein neues Leben beginnt!"

"O Rinaldo!" – seufzte Dianora – "Schläfere dich nicht selbst mit Schmeicheleien ein. Lass deine Träume dich nicht zu süssen Hoffnungen verführen, zu Hoffnungen, die nie in Erfüllung gehen können."

"Du raubst mir meine Überzeugung nicht!" – fuhr Rinaldo fort. – "Du selbst bist das Pfand der Gewährung meiner Hoffnungen. Das, was ich hier umfasse, ist die schönste Wirklichkeit. – Ich träume nicht; mein Glück beginnt von neuem in deinen Armen." Er legte sein Gesicht an ihren Busen, umschloss sie mit seinen Armen und verlor sich in süsses Entzücken. Dianora hatte keine Worte. Die Szene blieb stumm und dennoch sprechend.

Violanta fand, als sie wieder ins Zimmer trat, beide noch in dieser schweigend sprechenden Lage. Sie machte ihr Dasein bemerkbar und ging in ein Seitenzimmer. Dianora drängte ihn sanft von sich ab. Rinaldo stieg auf. Er blieb vor ihr stehen und ruhte mit fragenden Blicken auf ihren Augen.

SIE Rinaldo, was sagen diese fragenden Blicke?

ER Sagt dir das dein Herz nicht? – Der Himmel gab dich mir wieder, doch nicht, um dich wieder verlassen zu müssen.

SIE Ach! Rinaldo, wie soll und kann, wie darf ich dir diese fragen beantworten?

ER Wie es dein Herz verlangt.

SIE Nein, die Herzen dürfen jetzt nicht unsere bestochenen Ratgeber sein.

ER Wer sonst?

SIE Vernunft und Überlegung.

ER Auch diese sind bestochen. – Sind sie es nicht, so fürchte diese kalten Ratgeber, die uns nicht glücklich machen können. – In Abgeschiedenheit und Ruhe wies beiden uns der Himmel die Freistätte dieses Eilandes an, lass uns dankbar den Wert des herrlichen Geschenkes erkennen und benutzen.

SIE Wohin könnte uns aber all das führen?

ER Wohin anders, als zum Glück in der Einsamkeit und Verborgenheit, durch uns selbst?

Violanta kam wieder in das Zimmer zurück.

"Wenn Rinaldos Hiersein nicht aufsehen, selbst bei unserer alten Magd, erregen soll", – sagte sie – "so muss er sogleich wieder gehen und kann nicht länger hier bleiben."

"O Violanta!" – sagte Rinaldo – "Du hast nie geliebt, warst nie getrennt von dem geliebten gegenstand deines Herzens, fandest nie wieder, was du verloren hattest, und hast nie die Wonne eines unverhofften, glücklichen Wiedersehens genossen! Darum spricht dein Mund einen so schrecklichen Befehl aus."

"Dianora mag selbst entscheiden", – antwortete Violanta.

Dianora blickte ihn zärtlich an und sagte: "O ja, Rinaldo, du musst uns jetzt verlassen."

RINALDO Um dich nicht wiederzusehen? – Du wirst diese Insel verlassen. –

DIANORA Nein!

RINALDO Gewiss nicht?

DIANORA Nein! Nein!

RINALDO Wenigstens nicht ohne mich?

DIANORA Nicht ohne dich.

RINALDO Nun gehe ich, wenn du es verlangst. – Und morgen sehe ich dich wieder?

DIANORA Ja, morgen!

Er schlang seine arme um ihren Nacken, drückte zärtliche Küsse auf ihre Lippen und ging. – Violanta begleitete ihn bis an die Haustür. Er eilte, seiner selbst sich unbewusst, in seine ländliche wohnung zurück. Die goldene Königin des Tages, die freundlich lächelnde Sonne, entstieg dem Meere. Rinaldos Wirtin war schon ins Feld gegangen. Er stand mit klopfendem Herzen der Villa gegenüber, in welcher der geliebte Gegenstand seiner Empfindungen wohnte. Ringsherum umging er diese wohnung seines Glücks, aber er wusste selbst nicht, warum er sich nicht hineinzugehen getraute. – Jetzt fiel ihm die einsame Kreuzkapelle in die Augen, in welcher Dianora zuweilen betete. Von gleichem Gefühl ergriffen, ging er dahin, warf sich vor dem Bilde der Hochgebenedeiten nieder und zerfloss in Andacht und Gebet.

Auf einmal rauschten hinter ihm Fusstritte. Er sprang auf, drehte sich herum und erblickte Dianoren. – Er flog ihr entgegen, drückte sie an sein Herz und sagte:

"Unsere Herzen begegneten sich einst und fanden sich, unsere Seelen hielten sich fest und finden sich