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ER Das ist mein Wunsch!

SIE Es sind zwei leere Stübchen in meinem haus, die ich nicht brauche. Da kann der Herr wohnen. Aber das sage ich ihm voraus, gut aufführen muss er sich, sonst rufe ich die Nachbarn herbei, und er kommt übel weg.

ER Gute Frau! Du sollst keine Klage über mich haben. Ich werde still und einsam leben und will dir in mancherlei arbeiten beistehen.

Frau Marta, so hiess die Bäuerin, führte ihren Mietmann ins Haus, zeigte ihm die Stübchen, die ihm gefielen, und der Mietkontrakt wurde gleich abgeschlossen. Rinaldo zahlte ihr zwei Monate Mietgeld voraus, wofür sie sich bei den Sizilianischen Fischern gleich Korn und Fleisch einkaufte.

Rinaldo machte den Fischern seinen Entschluss bekannt, und diese fanden ihn drollig genug.

"Nun", – sagte der eine – "in etlichen Wochen kommen wir wieder und wollen hören, wie es dem Herrn auf dem Inselchen gefällt. Gefällt's ihm nicht, so kann er wieder mit uns abfahren. Denn Sizilien bleibt doch immer Sizilien, und gegen dieses Inselchen ist es noch mehr als ein Paradies."

Rinaldo berichtigte seine Fracht reichlich und kaufte Wein und mancherlei Lebensmittel ein, die er in seine wohnung bringen liess, von der er sogleich Besitz nahm. Und als den folgenden Tag seine gefährten mit leichter Barke davonsegelten, machte er Anstalt, sich zu metamorphosieren. Er schnitt seine langen Haare rundherum so ab, wie sie die Landleute auf Pantaleria trugen, und warf sich auch in eine Kleidung nach Form und Schnitt des Landes. So ausgeschnitten glich er einem Landmann der Insel vollkommen, und keiner seiner Nachbarn liess es sich gewiss auch nur entfernt einfallen, den berüchtigten Räuberhauptmann, dessen Ruf ganz Italien durchflog, auf dessen Kopf ein so ansehnlicher Preis gesetzt war, zum Nachbar zu haben.

Er unterzog sich mancher Arbeit im Garten, im Weinberge, in der Haushaltung, so dass Frau Marta gar nicht wusste, wie sie mit ihrem Mietmann daran war.

"Ich hätte nie geglaubt", – sagte sie, – "dass ein Herr, wie Ihr, sich so gut in unsre ländliche arbeiten würde schicken können. Und dass Ihr sogar unsre Tracht angenommen habt, das kommt mir ebenso sonderbar vor, als es mir gefällt. Man sollte, wenn man Euch so sieht, darauf schwören, Ihr wärt hier als Landmann auf der Insel gezogen und geboren worden."

"Glaube das selbst, liebe Frau!" – antwortete Rinaldo, – "und du tust mir einen grossen Gefallen."

SIE Je nun, den Gefallen kann ich Euch wohl tun! Man muss ja so manches glauben, was auch nicht viel wahrscheinlicher als dies ist, also wüsste ich nicht, warum ich es nicht tun sollte? – Sagt mir aber nur, wo Ihr das Geschick zu den arbeiten, die Ihr verrichtet, hernehmt?

ER Ich habe mich ehemals auch mit dergleichen arbeiten abgegeben.

SIE Das muss sein! Sonst wär's nicht möglich, dass es Euch so anstehen und flecken könnte. – Seid ihr denn kein Sizilianer?

ER Nein. Ich bin in der Italienischen Schweiz geboren, und mein Vater hatte Landgüter.

SIE Habt Ihr denn die Landgüter nicht geerbt?

ER Mein Bruder hat mich mit Geld abgefunden, und ich habe die Welt durchreist. – Hier gefällt mir's. Ich habe grosse Lust, bis ans Ende meines Lebens auf dieser Insel zu bleiben.

SIE So tut es. – Schafft Euch etwas Eigenes, Haus und Herd an, und nehmt Euch eine Frau, wenn Ihr noch ledig seid.

ER Ledig bin ich, und das andere wird sich geben.

SIE Nur bitte ich mir aus, dass ich Freiersfrau sein darf.

ER Ja, ja! – Für jetzt aber bleibe ich noch bei Frau Marten.

SIE Die Nachbarn werden zwar manches darüber munkeln, aber das hat nichts zu sagen. Wir haben ja doch gute Gewissen.

ER In diesem Punkt, ja!

SIE Nur in diesem Punkt? Nein, auch in andern Punkten. Nicht wahr? – Wenigstens ich. Ihr doch auch?

ER (verlegen) Warum nicht? SIE Denn sonst, – nehmt mir's nicht übel! – sonst möchte ich nicht gern unter einem dach mit Euch wohnen. Die bösen Gewissen bringen kein Glück ins Haus. Dies traf Rinaldo stark. Er brach das Gespräch ab und griff zu einer Arbeit. Er bemerkte, dass Frau Marta jeden Abend mit einem grossen Milchtopfe wegging und wohl erst eine Stunde darauf wieder zurückkam. Eines Tages fragte er sie, wohin sie die Milch so entfernt trage?

"Ich trage die Milch" – antwortete sie – "in eine Villa, die dort hinter dem Wäldchen liegt."

ER Wem gehört diese Villa?

SIE Einem Herrn in der Stadt.

ER Und dieser bewohnt sie?

SIE Nein. – Vor ungefähr sechs Wochen sind ein paar Damen in die Villa gezogen, die, wie man sagt, übers Meer gekommen sind. Man weiss nicht, wer sie sind. Sie leben still und eingezogen und haben mit den Nachbarn keine Gemeinschaft. – Ich habe sie selbst noch nicht gesehen. Eine alte Magd nimmt mir die Milch ab und bezahlt sie. Diese fragte ich einmal, wer denn wohl die Damen wären, und sie sagte, sie wisse es nicht. Die Damen wären fremd hier, und sie sei aus Pantaleria.

ER Weiss die Nachbarschaft nichts von den