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Hafen und lass sie die Früchte ihres Fleisses ernten. Auch wende dein Angesicht nicht von dem friedlichen Eilande, wohin ich schiffe; strafe die Felder, die mein Fuss betritt, nicht mit Misswachs; wirf deine Blitze nicht auf schuldlose Hütten; nimm meine Busse an und lass, unter guten Menschen, mich ein guter Mensch werden!"

Die stille Andacht war geendigt, die Barke ward bestiegen, die Fischer ergriffen die Ruder, schlugen harmonisch im Takte eines Morgenliedes die Wellen, und das Schifflein durchschnitt im offenen Meere lustig die Wellen.

Rinaldo stand und schaute nach Siziliens Küste zurück, die nach und nach seinen Blicken immer ferner wurde. Die Berge erschienen als Hügel; Häuser und Türme wurden zu Punkten; alles schwand endlich im grauen Nebel dahin, und nur die glänzende Sonne blieb die treue Gefährtin der schwankenden Barke.

Die Fischer waren munter und froh, scherzten und lachten, sprachen viel und sangen noch viel mehr. Rinaldo hörte mit Wohlgefallen ihre Gesänge und bat sie, das eine ihrer Lieder, welches ihm am besten gefiel, zu wiederholen. Sie taten das gleich. Er schrieb es sich auf und sang es hernach mit ihnen. Hier ist es.1

Romanze.

Früh am sankt Johannistage

Stand ich auf und ging ans Meer;

Dort sah ich ein Mädchen wandeln

An dem Ufer hin und her.

Auszubreiten ihre Wäsche,

Ging sie her und ging sie hin,

Sie zu bleichen und zu trocknen,

Legte sie die Wäsche hin.

Unter einem Rosenbusche

Pflegte sie der süssen Ruh,

Strählte sich die goldnen Haare,

Strählte sie, und sang dazu:

"Wo soll ich den Lieben suchen

Auf der blauen Flutenbahn?

Schiffer! dass dich Gott bewahre!

Trafst du wohl mein Liebchen an?

Sahst du meinen Herzgeliebten?

Sahst du ihn, so sag es mir!

Seiner harrt sein treues Liebchen,

Ganz allein am Strande hier."

Eine Windstille nötigte die Fischer, die Ruder nicht aus der Hand zu lassen. Selbst Rinaldo legte mit Hand an. Das gefiel den Fischern, und sie machten in ihrer Art ihm viele Komplimente darüber. – Gegen Abend erblickten sie die Lichter im Kastell der Stadt, und ein frischer Wind trieb sie dort vorbei, an die östliche Küste der Insel, wo sie in eine Bucht einliefen und Ankergrund fanden.

Mit Tagesanbruch stiegen sie ans Land. Bald waren sie von Einwohnern umringt, die aus ihren zerstreut liegenden Wohnungen und aus dem einen dorf herbeikamen, die Herrlichkeiten zu besehen, die ihnen im Kauf überlassen werden sollten. Da ging es rasch an ein lebhaftes Handeln und Einkaufen, und als die Fischer ein Gezelt aufgeschlagen hatten, wurde die Gegend noch belebter. Männer, Weiber, Mädchen und Kinder strömten herbei, und sogar etliche Musikanten kamen. Da gab es im Freien Tanz und Gesang. Rund umher war Lust und Vergnügen.

Rinaldo entzog sich der lärmenden Freude und nahte sich einem entfernten Olivenwäldchen. Einige hundert Schritte davon lag rechts ein kleines, artiges Landhaus; auf dieses ging er zu.

Er traf dort eine geschäftige, muntere Frau bei ländlicher Arbeit an. Diese bat er um einen Trunk Milch und erhielt, was er forderte. Er wollte bezahlen. Sie aber wollte kein Geld nehmen. Rinaldo drang es ihr auf. Es war mehr, als sie hätte fordern können. Sie setzte ihm Feigen, Weintrauben und Reiskuchen vor. Dabei kam es zur Unterhaltung, und die gute Frau wurde sehr gesprächig. Rinaldo fragte nach ihrem mann.

"Ach, heilige Jungfrau!" – antwortete sie, – "der liegt nun schon seit zwei Jahren unter der Erde und hat mir die Wirtschaft allein überlassen. Ich habe drei Kinder, zwei Buben von sieben und fünf Jahren, und ein Mädchen, das neun Jahr alt ist. Die Nachbarn stehen mir bei meinem kleinen Feldbau bei. Ich bin frisch und gesund und will so lange arbeiten, bis die Kinder grösser werden, wenn mir Gott Kräfte und Gesundheit schenkt. Hernach mögen die Kinder für mich arbeiten."

Rinaldo machte sie immer zutraulicher, und als er sich endlich ihres Anteils an seiner person und ihres Wohlwollens ganz versichert hielt, kam er der Erklärung seines Endzweckes und der Entdeckung seines Wunsches und Verlangens näher.

ER Es gefällt mir hier sehr wohl.

SIE Ei! Es ist auch recht hübsch bei uns. Wir leben zwar nicht im Überfluss, aber was wir brauchen, hat uns der Himmel geschenkt. So lange ich lebe, weiss ich nur in einem einzigen Jahre Misswachs bei uns. Da versorgte uns Sizilien. Wir fühlten es hart, das Unglück, das uns traf. Aber das sind nun schon acht Jahre her, und jetzt ist alles wieder verschmerzt.

ER Ich habe einen Einfall! Wie wär's, wenn ich mich ein paar Monate hier bei euch aufhielt?

SIE Das muss der Herr am besten wissen, ob es ihm zuträglich ist, ob es sein kann oder nicht.

ER Die Luft ist hier rein und gut, der Himmel ist heiter, warum sollte es mir nicht zuträglich sein, mich hier aufzuhalten? Und sein kann es auch, denn ich bin frei und ungebunden und kann leben, wo ich will.

SIE Nun! Der Herr kann's versuchen, und gefällt es ihm in die Länge nicht, so kann er ja gar leicht wieder nach Sizilien zurückkehren.

ER So sei es. – Wo werde ich aber meine wohnung aufschlagen? Darf ich bei euch wohnen!

SIE Warum nicht?