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geben?

Gab sie nicht das Beste schon?

Ein Bote suchte Rinaldo auf und gab ihm einen Brief. Er war von Cintio. Dieser machte ihm freundschaftliche Vorwürfe, dass er noch nicht ein einzigesmal in das Lager, zu seinen Freunden, in die Gebirge gekommen sei. Er bat ihn, dies recht bald zu tun.

Rinaldo schrieb eine Antwort, in welcher er versprach, was man forderte, und ging, als er den Boten abgefertigt hatte, ans Ufer des Meeres, wo er einige Fischer in einer Bucht beschäftigt fand, eine Barke mit Lebensmitteln zu beladen. – Er nahte sich ihnen, grüsste sie, wurde widergegrüsst und spann ein Gespräch an.

RINALDO Wohin führt ihr diese Lebensmittel in der Barke?

FISCHER Nach Pantaleria.

RINALDO Nach Pantaleria?

FISCHER Kennt Ihr das Inselchen3 Pantaleria nicht?

RINALDO Wie sollte ich es kennen? – Liegt es weit von hier?

FISCHER Sechzig Meilen! Ein Katzensprung!

RINALDO Ist das Inselchen stark bevölkert?

FISCHER Ach lieber Himmel! zählt mir ausser den Bewohnern der kleinen Stadt und des Kastells noch dreihundert Menschen dort, so gewinne ich eine Wette. Es liegen ein paar Dörfchen auf der Insel und einige lustige Landhäuser. Alles ist rundherum von den Felsen des Ufers umschlossen. Aber im inneren ist es ein hübsches, feines, lustiges Inselchen! In der Mitte ist ein vortreffliches, fruchtbares Tal, und die Bergrücken sind alle gar sorgfältig bebaut. Die Insel hat Äcker, Wein, Öl, Pomeranzen und eine kleine Schafzucht. Was die Leute dort nicht haben, führen wir ihnen zu.

RINALDO Die Bewohner der Insel sind wohl arm?

FISCHER Reich sind sie freilich nicht, aber sie sind gut, arbeitsam und menschenfreundlich. Woran es ihnen am meisten fehlt, das ist an Gelde. Ein Goldstück ist unter ihnen eine rare Sache und eine wahre Seltenheit. Sie graben aber zuweilen seltene Münzen aus, auch wohl Antiken und dergleichen, diese machen sie in Sizilien zu Gelde. Sie brauchen wenig und behelfen sich lange mit ein paar Silberstückchen.

RINALDO Die guten Leute leben also dort wohl in wahrer patriarchalischer Einfalt?

FISCHER Ja, einfältig genug leben sie! Sie haben ausser drei Kirchen in der Stadt auf dem ganzen Inselchen übrigens nur noch eine einzige Kirche.

RINALDO Sie sind aber deshalb doch wohl fromme Leute?

FISCHER O ja! Sie haben, ausser einem ClarisserNonnenkloster in der Stadt, auch ein kleines Klösterchen im land, das bewohnen etwa vier bis sechs Franziskaner-Herren; mehrere können sie nicht ernähren. Diese terminieren aber auch in unserer Insel und schleppen, was sie bekommen, hinüber auf ihr Inselchen.

RINALDO Ich hätte Lust, das Inselchen zu besehen.

FISCHER Das kann leicht geschehen. Der Herr darf ja nur mit uns hinüberfahren. Wir wollen's schon billig machen. – Morgen, ein paar Stunden nach Sonnenaufgang fahren wir ab.

RINALDO Ich fahre mit.

FISCHER Der Herr muss sich aber zeitig einstellen. Warten können wir nicht.

RINALDO Sorgt nicht. Ich werde frühzeitig genug hier sein. Hier habt ihr etwas auf Abschlag, und morgen sehen wir uns wieder.

Er ging mit dem festen Vorsatz in seine wohnung zurück, nach Pantaleria mit überzuschiffen und von dort nie wieder nach Sizilien zurückzukehren.

"Vielleicht" – sprach er bei sich selbst – "gelingt es mir endlich doch noch, unter guten, unverdorbenen, reinen Naturmenschen eine stille, friedliche Stätte zu finden und mir selbst ruhig und reuig für den Himmel zu leben."

Fussnoten

1 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 220. 2 Der bekannte König der Korsen, Baron Neuhof, ein Deutscher. – Seine geschichte hat der Verfasser dieses buches der deutschen Lesewelt mitgeteilt, unter dem Titel: Teodor, König der Korsen. Rudolstadt 1801, 3 Teile, m.K. 3 Isoleta, nämlich im Vergleich mit der grossen Insel Sizilien. Pantaleria hat nur 7 bis 8 Meilen im Umkreis.

Dritter teil.

Numquam simpliciter fortuna indulget.

Q. CURTIUS

Neuntes Buch

Lächelt dir die Ruh in Friedensauen,

Lächelt dir der Hoffnung Zauberblick,

Fürchte Stille, Ruh und Selbstvertrauen,

Dolche für erträumtes Erdenglück.

Der Morgen brach an, der Vorbote eines schönen, heitern Tages.

"Lass, guter Himmel", – flehte Rinaldo – "mich finden, was ich suche. Stoss den Reuigen nicht von dir und gib mir eine stille, ruhige wohnung unter guten Menschen!"

Schnell verliess er sein Lager, nahm Wäsche mit, steckte alles Geld, was er hatte, und seine Kleinodien zu sich, bewaffnete sich mit Säbel, Rohr und Pistolen, schlich an Serenens kammer vorbei, lispelte ihr ein Lebewohl und eilte aus der Villa in die Bucht, wo die Fischer seiner warteten.

"Nun, das heisst doch Wort gehalten!" – schrien sie ihm entgegen, grüssten ihn und schüttelten ihm traulich die hände.

"Sind wir nun alle beisammen?" – fragte der eine, und als mit Ja geantwortet wurde, nahm er seinen Hut ab und faltete die hände. Die andern folgten seinem Beispiel. seine hände und stammelte:

"Herr! Erbarme dich des Räubers, der zu dir fleht um eine glückliche Fahrt nach dem Orte der Ruhe, wohin seine Seele sich sehnt. Lass es diesen guten Leuten nicht entgelten, dass sie ihre Barke unwissend mit einem Verbrecher beladen, der dir nirgends entfliehen kann. Willst du mich bestrafen, so strafe nicht mit mir die Unschuldigen. Bringe sie glücklich in den