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Doch nicht in jedem Weltteile. – Ich schenke euch meine vergrabenen Schätze, ich nenne euch die Plätze, wo sie liegen, sie werden euch bei eurem Vorhaben nicht unwillkommen sein. Mich führe unbemerkt ein Schiff über die rollenden Fluten an den Küsten des Landes vorbei, dessen Fesseln ihr zerbrechen werdet.

DER ALTE Freund, du bist krank. Wir können dich nicht eher aus den Augen lassen, bis du genesen bist.

Rinaldo seufzte und verhüllte sein Gesicht. Die Gesellschaft blieb schweigend und stumm.

Der Alte gab Astolfo einen Wink. Dieser verliess das Zimmer. – Die Stille wurde durch keinen laut unterbrochen.

Auf einmal ertönten Trommeln im schloss und Trompeten durchschmetterten die Säle. Man sprang auf.

"Wir sind überfallen!" ertönte es von allen Seiten ins Zimmer. – Rinaldo sprang vom Lager auf, ergriff seinen Säbel und eilte nach der Tür. Hier umfing ihn der Alte und rief entzückt aus:

"Ja! du bist noch der Unerschrockene, der Tapfere, wie sonst! Trompetentöne und Trommelwirbel haben dich dem Schlummer entrissen, und der Mann stand vor uns. Diese Töne werden dich nach Korsika begleiten. Der Donner unsres Geschützes wird unsern Feinden entgegenbrüllen: Der Rächer kommt!"

Rinaldo sah den Alten betroffen an, und der Säbel entsank seiner Hand.

"Ha!" – schrie er: – "Ihr kennt das Spiel, das ihr mit mir spielt, und ich kenne mich selbst nicht!"

Der Alte sah ihn bedeutend an und sagte:

"Wir haben nur geweckt, was entschlummert war. Jetzt wissen wir, dass du noch Rinaldini der Tapfere bist. Trompeten und Trommeln mögen schweigen. Dein Geist spricht kräftiger und lauter als dein Mund. Was du auch sagen magst, wenn Missmut und üble Laune dich quälen, wir glauben dir nicht. Wir kennen die Töne, die dich deinen Freunden geben, wie du bist. Was die stimme der Freundschaft nicht vermochte, das vermochten die Töne der Trompeten. Dies ist der Ruf der Ehre. Wir wissen nun, dass du der Held bist, den wir suchen und gefunden haben."

RINALDO Ihr irrt Euch. Den Tod wollte ich suchen im Gefecht

DER ALTE Den sucht keiner, der unter Hirten und Fischern, bei weidenden Ziegen leben will. Er sucht der Gefahr nur zu entfliehen, aber der Tapfere bietet ihr die Stirn.

RINALDO Verzweiflung ist nicht Tapferkeit. Sie macht den Mutlosesten zum Löwen.

DER ALTE Genug, Rinaldo! Wir kennen dich.

Auf einen Wink des Alten entfernten sich die Anwesenden nach und nach und ohne Geräusch. Auch der Alte verliess endlich das Zimmer und sagte:

"Wir überlassen dich der Ruhe."

Rinaldo warf sich wieder auf sein Lager. Die Rückerinnerung der ganzen Szene seit seinem Erwachen gaukelte wie ein Traum vor seinen Sinnen vorüber. Den folgenden Tag verliess Rinaldo das Zimmer nicht und blieb ungestört und allein. Tages darauf verlangte er Cintio zu sprechen und erhielt die Antwort, dieser sei nicht mehr im schloss. Hierauf begehrte er eine Unterredung mit dem Alten von Fronteja, und auch dieser war nicht mehr hier. Bald darauf erschien Astolfo. Diesem eröffnete Rinaldo sein Verlangen, das Schloss zu verlassen.

"Das steht in deiner Willkür", – sagte Astolfo, – "wiewohl ich es dir nicht raten möchte, du müsstest denn mit den Unsrigen ziehen wollen. Die schwarze Rotte lauert allentalben auf dich, und ohne Begleitung bist du immer in Gefahr, dich ihrer grenzenlosen Rache ausgesetzt zu sehen. – Die Unsrigen ziehen sich nach und nach an die Küste, wo sie eingeschifft werden und nach Korsika absegeln können. Denn viel Zeit mögen wir nun nicht mehr verlieren, um sobald wie möglich den Ort unserer Bestimmung zu erreichen."

Rinaldo schien nachdenkend zu werden, fasste sich aber bald wieder und fragte:

"Hast du zu Fronteja ein Mädchen gesehen, das man Rosalie nannte?"

ASTOLFO Ich sah sie krank und im tod.

RINALDO Sie starb also wirklich?

ASTOLFO So gewiss, als wir beide noch leben.

RINALDO Nicht gewaltsam?

ASTOLFO Was willst du damit sagen? Hast du Argwohn, so ist er ungegründet. Der Alte liebte sie wie seine Tochter.

RINALDO Und doch hat er ihres Todes gegen mich mit keinem Worte gedacht.

ASTOLFO Das ist so seine Art. Von Verstorbenen spricht er nicht gern.

RINALDO Rosalie war mir sehr wert! Ich liebte sie.

ASTOLFO Das hat man gesagt. – – Auch ich verlasse morgen dieses Schloss. Willst du mit mir gehen, so hast du Bedeckung. Wir ziehen uns, wie gesagt, alle nach und nach der Küste zu.

RINALDO Du bist Olimpiens wirklicher Bruder? Ein Korse?

ASTOLFO Beides bin ich.

RINALDO Ist auch Luigino schon fort von hier?

ASTOLFO Auch er.

Hier entstand eine Pause. Astolfo näherte sich langsam der Tür. Rinaldo wendete sich auf einmal rasch zu ihm und sagte: "Ich verlasse morgen mit dir dieses Schloss." Astolfo freute sich dieses Entschlusses. Ganz vergnügt verliess er das Zimmer. Den folgenden Morgen bestieg Rinaldo ein Pferd und verliess in Astolfos Begleitung das Schloss. – Sie begegneten hier und da verschiedenen ihrer Leute, die sich zerstreut und in kleinen Trupps, doch nicht allzu entfernt voneinander, über die Gebirge hinzogen. – Die Unterhaltung auf dem Wege war sehr einsilbig.

In kurzen Tagesreisen erreichten sie Sutera, wo sie einige Tage still lagen und dann ihren Weg gerade auf Syracus zu nahmen. Sie liessen die