Man zündete eine Wachskerze an und setzte sie vor ihn auf den Tisch. Sein Becher wurde gefüllt. Es wurde gesprochen.
CINtIO Nun? Wie steht es? Ist das Schloss bald voll?
ASTOLFO O! dass es doch bis unter das Dach vollsteckte! Es wär' ein gesegneter Aufentalt wackerer Männer! – Unserer neunzig sind nun hier.
LODOVICO Dass wir alle doch schon in Korsika wären! Dem Klingenschmied oder Büchsenmacher, dessen Klinge oder Rohr den ersten Feind in den Sand streckt, will ich zehn Messen lesen lassen, und seiner ganzen Familie soll, wenn er fällt eine ex profundis bei weissen Wachskerzen gesungen werden, auf meine Kosten.
ASTOLFO Spätestens bis morgen früh muss Amalato mit dreissig Mann hier auch eintreffen. Malatesto schwenkt sich noch mit seinen Leuten im Tolonischen Gebirge herum. Er macht nun einmal so gern Jagd auf die Schwarzen.
LODOVICO Das vergelte ihm Gott! Wenn er doch die ganze verfluchte Rotte mit Stumpf und Stiel ausrotten könnte!
OLIMPIA Die Schwarzen nimmst du wohl oft in dein Gebet?
LODOVICO O ja, so wie der Nachtwächter den Teufel. Die verdammten Popanze! Sie haben mir die Erinnerung an ihre Existenz so fest eingegraben, dass ich bei jedem Stoss einer Windfahne die Rückerinnerung an ihre Bekanntschaft in allen Gliedern und Nerven fühle.
JORDANO Jeder Neumond muss sie dir unvergesslich machen.
LODOVICO Jeder veränderte Windstoss, sage ich! Sie haben mir ein Calendarium perpetuum dergestalt aufs Leder geprägt, dass ich die Buchstaben und Charaktere in jeder Ader fühle, wenn die Hähne musizieren. Aber dem ersten dieser Kalendermacher, den ich unter die Fäuste bekomme, will ich auch ein solches Honorarium reichen, dass er es als Zehrpfennig bis ins Fegefeuer mitnehmen soll.
Noch hörte Rinaldo dem Gespräch, bei welchem die Becher fleissig geleert wurden, schweigend zu, als die Tür aufging und der Alte von Fronteja ins Zimmer trat. Alle erhoben sich von ihren Sitzen und grüssten ihn ehrerbietig. Er winkte ihnen freundlich zu, sie setzten sich. Er nahm in dem Zirkel Platz. Zwei brennende Wachskerzen wurden vor ihn gesetzt, und sein Becher wurde gefüllt. Er sprach.
DER ALTE So rein wie das Wachs und die Flamme dieser Kerzen ist die Absicht aller derer, die hier versammelt sind, entschlossen, den Boden eines Landes zu betreten, welches, mit dem Blute seiner Tyrannen gedüngt, uns eine reiche Ernte des Ruhms schenken möge! Wir säen und ernten für die Unterdrückten. Wir sind die wahren Ackerleute des Ruhms und der Gerechtigkeit. Wir kommen, die Ketten einer unterdrückten, tapfern Nation zu zerbrechen.
LUIGINO Ja, wir kommen!
DER ALTE Der Tag der Rache, der Tag der Rettung bricht an. Eine neue Sonne geht über Korsika auf. – Geist des edlen, unglücklichen Teodors2, erscheine den Freunden des Landes, das du liebtest und retten wolltest!
Er sprach's, fuhr langsam im Kreuzschlag mit der Hand über den Becher, und schnell entbrauste der Wein in demselben, wie gährender Most. Die Blasen stiegen hoch auf, entschwebten dem rand des Bechers, türmten sich pyramidisch, wurden zum schäumenden Dunstkreis, zerplatzten in der Luft und bildeten eine aufsteigende Nebelgestalt in verwischter Menschenform. Die Lichter verlöschten, die Gestalt schwebte, wie ein geformter Nebel, hell und durchsichtig über die Tafel in die Höhe und verschwand. Die Lichter entzündeten sich wieder. Die Gesellschaft sass sprachlos in feierlicher Stille da, und der Alte leerte seinen Becher auf König Teodors Wohl.
Noch sassen alle in erwartungsvoller Stille sprach
los, als der Alte sich gegen Rinaldo wendete und fragte:
"Hast du keine Rede für deine Freunde?"
RINALDO Wohl bekomme euch alles!
DER ALTE Ist das der ganze Anteil, den du an un
serm Vorhaben nimmst?
RINALDO Ich kann nicht mehr tun, als euer Wohl
zu wünschen.
DER ALTE Hat dich der grosse, ruhmvolle Gedan
ke, der edle Wunsch, ein Retter der Korsen zu sein, verlassen?
RINALDO Ihre Sache liegt in guten Händen.
DER ALTE Entsagst du dem Ruhme, diese gerech
te Sache zu verteidigen?
RINALDO Ich entsage jedem Gedanken nach
einem Ruhme, der mir nicht gebührt. Für einen Räuberhauptmann wachsen keine Palmen des Ruhms, grünen keine Lorbeern der Unsterblichkeit.
DER ALTE Kleinmütiger! du bist nicht mehr der kühne, unerschrockene Rinaldini. Dein Geist ist von dir gewichen. Du bist kaum noch der Schatten deiner vorigen Wirklichkeit. – O Freund! was würde, hörte er dich jetzt reden, dein ehemaliger Lehrer, der wackere Onorio, sagen? Er, der so oft mit dir in den zeiten der Helden der Vorzeit umherschwärmte; was würde er sprechen? – Wie jammert uns dieser dein Zustand? Was können wir für dich tun?
RINALDO Seid ihr wirklich meine Freunde, so vergesst, dass man mich Rinaldini nannte. Verbindet mit diesem Namen keine Erwartung an kühne Taten und lasst mich, unbekannt und ungenannt, in Ruhe sterben.
CINtIO Rinaldo! Freund! –
RINALDO Ich beklage dich, den man seiner ruhigen Einsamkeit entrissen hat! Du warst zu glücklich für einen Räuber, darum konnte es nicht so bleiben.
DER ALTE Ich beklage dich!
RINALDO Verschafft mir, ihr Allesvermögenden, sichere Abfahrt aus dieser Insel auf irgendein kleines, unbedeutendes Eiland, wo Platz für mich und Gras für meine Ziegen ist. Dort will ich in stiller Ruhe, unter Hirten und Fischern, mein Leben endigen, ungekannt und ungenannt.
DER ALTE Wie wird das möglich sein können? Du bist zu allbekannt.
RINALDO