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! Rosalie ist sehr krank.

ER O Gott! AberEs ist kein beneidenswertes Los, die Geliebte eines verrufenen Räuberhauptmanns zu sein! Welche Erdenglückseligkeit könnte das arme geschöpf auch mit gegründeter Hoffnung erwarten? Die ihren Liebhaber auf dem Rade und sich, schon deswegen, weil sie von ihm geliebt wurde, am Pranger und zeitlebens im Zuchtaus versorgt zu sehen.

SIE Rinaldo, du vergisst die Lorbeeren, die dir in Korsikas Tälern grünen.

ER Auch diese sogar sind kein Brautkranz für ein Mädchen. Für mich aber grünen sie nicht. – Ein so edles Gewächs, geschaffen für imperatorische Siegerstirnen, kühlt die Schläfe eines Räubers nicht. Auf meinem haupt würde der Kranz welken, und ich könnte ihn nun zur Satire für alle Helden der Nachwelt machen.

SIE Unglücklicher Mann!

ER Jetzt nennst du mich bei meinem rechten Namen.

SIE Was wird und was könnte aus dir werden?

ER Was ich schon bin. Ein Unglücklicher!

SIE Dein Unmut ist gross! Wie willst du enden?

ER Wie es mir gebührt.

SIE Wehe dir, dass du so sprechen kannst! – Ermanne dich und bleib', was du immer warst, ein grosser Mann.

ER Beschimpfe die grossen Männer nicht mit meiner Parallele. – Ich weiss nur allzugut, was ich bin.

Olimpia schwieg und zog den Schleier über ihr Gesicht. Rinaldo schlug sich vor die Stirn und seufzte tief auf.

SIE Rinaldo! Rinaldo!

ER Rosalie ist sehr krank?

SIE Ich kann dich nicht täuschen. Sie ist tot.

ER Tot? – Ach! – Fahre wohl, liebe, gute Seele! Wohl dir, dass du geendet hast! – Olimpia! Nicht wahr, ihr ist sehr wohl? – Auch mir muss es so wohl werden, wie es ihr ist. Nur bald! nur bald! Er wendete sich gegen die Wand und weinte. Olimpia verliess das Zimmer. Aus einem schweren Traume entriss ihn ein Geräusch. Er erwachte und sah das eine seiner Zimmer erleuchtet. Er rieb sich die Augen und sah: An einem mit sieben brennenden Wachskerzen besetzten Tische sassen hinter Bechern und Flaschen Cintio, Nero, Lodovico, Jordano, Luigino, Olimpia und Eugenia, jedes hinter einer Kerze. Schweigend, und wie in eine optische Maschine, blickte Rinaldo in die Gesellschaft, die, seines erwachten Daseins unbekümmert, sich ihrer Unterhaltung fortgesetzt überliess. Er schwieg und hörte.

LODOVICO Sie hatten uns schon Handschellen angelegt und führten fatale Reden, z.B. von der Folter, vom Köpfen, Hängen und dergleichen Ausdrücke, die einem braven Kerl gar nicht behagen können. Das machte uns wirklich ein wenig bange, und wir sahen schon unserm gewissen Lebensende, auf der Folterbank zerdehnt und zerzerrt, entgegen, als unvermutet Hilfe und Rettung kam.

JORDANO Das hiess in der Tat Hilfe in der Not! Wir werden sie unserm ehrlichen Alten zu Fronteja nie vergessen. – Lasst uns anstossen und seine Gesundheit trinken. Er soll leben!

ALLE Er soll leben!

LODOVICO Unsern braven Rinaldini hat er auch schon verschiedenemal den ungewaschenen Händen der misslaunischen Justiz entzogen. Der wär' vielleicht schon längst eine Speise der Raben geworden, hätte der gute Alte sich nicht immer so freundschaftlich ins Spiel gemischt.

OLIMPIA Das ist gewiss wahr! Rinaldini hat ihm sein Leben auf vielfache Art zu verdanken.

CINtIO Das wird er auch tun. Mein Freund Rinaldo ist dankbar. – Mir ist es ein sehr grosses Vergnügen, den guten Alten und seine wackern Freunde kennengelernt zu haben. Da säss ich, wenn es recht köstlich gewesen wär', als Förster in einem Dorfneste und müsste Dachse und wilde Katzen verfolgen, um nicht zu verhungern. Nun aber soll's den übermütigen Korsen Feinden gelten.

LUIGINO Es soll ihnen gelten! – Es leben die wackern Korsen, die unsrer Ankunft, die ihrer Retter harren!

ALLE Es leben die wackern Korsen!

LODOVICO Wie stark sind wir nun aber eigentlich?

LUIGINO Es schiffen sich über vierhundert Mann ein und finden in Korsika über dreitausend Freunde, ohne die, die sich zu uns schlagen werden, sobald wir den ersten Streich ausgeführt und uns eines haltbaren Platzes bemächtigt haben werden. Das Fort Ajalo wird zuerst genommen. –

LODOVICO Wetter! es wird einen schönen Lärm geben, wenn es heisst: Das unüberwindliche Corps des grossen Rinaldini ist da! Die Kerls sind wahre Teufel gegen ihre Feinde und die grossmütigsten Menschen von der Welt gegen ihre Freunde. Sie vergiessen ihr Blut für die Freiheit der unterdrückten und misshandelten braven Korsen. Freunde! das bringt uns Ehre und Ruhm. Schon sehe ich unsere Namen an dem Obelisk glänzen, der uns und unsern Siegen errichtet werden wird, und die Mitwelt und Nachwelt wird sagen: Seht, das taten Menschen, die man Räuber, Männer, die man Banditen nannte. Da stehen ihre Namen mit goldenen Buchstaben, und obenan glänzt der Name Rinaldini. Das gibt hohe Ehre!

NERO Geht denn unser Alter auch mit uns?

LUIGINO Das versteht sich. Auch er ist ein Korse, der das Wohl seines Vaterlandes im Herzen trägt.

OLIMPIA Wir gehen alle mit. – Viele unserer Schwestern werden fechten an der Seite der tapfern Streiter, mit Mannskraft und von Vaterlandsliebe beseelt. Andere winden Kränze für die Sieger, und ihre Küsse belohnen die Tapfern.

Jetzt trat ein schöner Mann von edler Bildung und schlankem Wuchse in das Zimmer. Luigino nannte ihn Astolfo und Olimpia gab ihm den Namen Bruder. Er setzte sich zu ihr. –