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Rinaldo ermahnte seine Begleiter, ihre Waffen in Bereitschaft zu halten, und ritt gerade auf die Reiter zu. Ein Dragoner-Kommando kam ihnen entgegen. Der Offizier dankte sehr höflich, als er gegrüsst wurde, und fragte ebenso:

"Darf ich Euern Namen wissen?"

Ohne Anstand zu nehmen, antwortete Rinaldo:

"Ich bin ein Reisender. Baron Tegnano ist mein Name. Diese sind meine Diener."

"Ihr habt doch Pässe?" – fragte der Offizier weiter.

"O ja!" – antwortete Rinaldo ganz unbefangen. – "Auch habe ich Empfehlungsbriefe von dem Stattalter zu Nisetto, dessen Anverwandter zu sein ich die Ehre habe, bei mir."

"Das ist recht gut!" – fuhr der Offizier fort, – "denn Ihr werdet allentalben angehalten werden, wo Ihr Militär antrefft, was sehr häufig der Fall sein wird."

RINALDO Wie kommt denn das? Besorgt man etwas von den Barbaresken?

OFFIZIER Dazu ist man hier zu weit von der Küste entfernt. – Aber es streift viel loses Gesindel umher, und Rinaldini mit seiner Bande haust mitten unter uns.

RINALDO Das habe ich auch gehört, habe es aber kaum glauben können.

OFFIZIER Es ist Wahrheit. – Auch existiert noch eine andere Gaunertruppe, von der man nicht einmal recht weiss, ob sie mit zu Rinaldinis Bande gehört oder nicht. Ihre Mitglieder tragen schwarze Mönchskutten und haben sich sehr furchtbar gemacht. Es ist mir recht lieb, Euch und Eure Leute so gut bewaffnet zu sehen, ich würde mich sonst schwächen und Euch Bedeckung mitgeben müssen: denn selbst ein Militärkommando wagt, wenn es auf die Banditen trifft, die ganz verzweifelt fechten. – Ihr geht doch nach Molano zu?

RINALDO Gerade nach Molano.

OFFIZIER Ich wünsche Euch glückliche Reise!

Sie schieden und ritten davon.

"Das hiess wohlfeil weggekommen", – sagte Lodovico. – "Mir war immer bange, er möchte die Pässe und Empfehlungsschreiben sehen wollen."

RINALDO Dann hätte ich meine Brieftasche herausgezogen, hätte darin geblättert, gesucht und mich, da ich nichts finden konnte, bestürzt gestellt. "Meine Papiere sind liegengeblieben", wär' meine Antwort gewesen. Wir wären auf mein Erbieten nach Nisetto zum Stattalter geritten, und da Olimpia bei ihm war, meinst du denn, dass diese uns würde haben stecken lassen?

LODOVICO Bravo! Darauf wär' ich, straf mich Gott! nicht so schnell gefallen wie Ihr.

Sie trabten nun stark zu, aber nicht nach Molano, wie Rinaldo dem Offizier gesagt hatte, sondern sie hielten sich links an der Gebirgskette hin, wo sie gegen Mittag ein kleines Dörfchen erreichten, bei welchem ein benachbartes Serviten-Kloster eine Herberge für Reisende hielt. Hier hielten sie an und kehrten ein. Indes ein kleines Mittagsmahl zubereitet wurde, packte Rinaldo das Anforderungsschreiben, welches er von der schwarzen Rotte erhalten hatte, an den Stattalter zu Nisetto ein, überschickte es ihm durch einen Boten und legte folgendes Schreiben dazu:

"Mein Herr Stattalter!

Beikommendes Schreiben einer Schwarzen Brüderschaft schickt Euch zur Einsicht der Mann zu, der eingeladen wurde, einem Bunde beizutreten, der gegen den Herrn dieser Insel gerichtet ist. Er fühlt keinen Beruf dazu, mit diesen Menschen gemeinschaftliche Sache zu machen, und macht Euch aufmerksam auf eine Pest, die im Finstern schleicht. Ihr werdet Eure Massregeln zu nehmen wissen. Der gebannte, geächtete und verachtete Räuberhauptmann ist kein Rebell; auch hat er seinem Handwerk jetzt gänzlich entsagt und wird bald nicht mehr auf dieser Insel sein. Er wünscht Euch wohl und glücklich zu leben und unterzeichnet hier seinen Namen:

Rinaldo Rinaldini."

Nach der Besorgung dieses Geschäftes überliess er sich dem Anschauen der romantischen Gegend, in welcher er sich befand. – Das Wirtshaus lag am fuss einer hohen Felsenmasse der Bergkette, auf deren einer Spitze ein niedliches Schloss stand, umgeben mit hohen Mauern, geschmückt mit mehreren Türmen. Rinaldo erinnerte sich des Bergschlosses der Gräfin Martagno, und die Rückerinnerung rief in seine Seele Bilder verflossener Tage zurück.

Er wandelte am fuss der Felsen, in stille Betrachtungen verloren, auf und ab, und näherte sich gedankenvoll einem Gebüsch, aus welchem plötzlich einige handfeste Männer hervorsprangen, ihn anpackten, niederwarfen, banden und ins Gebüsch schleppten. Hier gaben sie ein Zeichen. Eine mit Rasen überlegte Falltür ging auf, und Rinaldo wurde einige Stufen hinab durch einen finstern gang getragen. Eine Treppe und zweite Falltür brachte ihn zurück über die Erde, und er befand sich, als er wieder Tageslicht sah, in einem ziemlich geräumlichen Schlosshofe. Hier band man ihn los.

Auf seine Frage: wo er sei, erhielt er zur Antwort: er werde es mit der Zeit erfahren.

Auf der Treppe kam ihm eine Gattung von Castellan entgegen, der ihm drei Schlüssel überreichte und dabei sagte:

"Dies sind die drei Schlüssel zu den drei Zimmern, welche Euch in diesem schloss zur wohnung bestimmt sind."

RINALDO Also doch Zimmer und keine Kerker?

CASTELLAN Bewahre Gott uns alle vor den Kerkern dieses Schlosses! sie sind fürchterlich. – Aber wie sollten auch ein Kerker und der Herr Baron zusammenkommen?

RINALDO Du weisst also, wer ich bin?

CASTELLAN Von Euch weiss ich weiter nichts, als dass man mir befohlen hat, Euch hier zu bedienen, und dass Ihr ein Herr Baron seid, dessen Namen ich nicht weiss.

RINALDO Auf wessen Veranstaltung bin ich hier?

CASTELLAN Meine Instruktion lautet: Du räumst dem Herrn Baron die