sehen. Dort trifft man uns", – sagte jener und ging gelassen an Rinaldo vorbei.
Dieser ging langsam weiter fort, aber nicht nach der Kapelle zu. "Eine Spiegelfechterei von dem alten Scharlatan zu Fronteja!" – sprach er zu sich selbst, – "dessen Maschine ich bin, wie er mir selbst gesagt hat. – Ich komme nicht. Und erscheint mir der Unglücksrabe noch einmal, so" –
Hier stand der Schwarze wieder vor ihm und fragte:
"Was willst du dann tun?"
Rasch riss Rinaldo seine Büchse von der Schulter, sprang einige Schritte zurück, spannte, legte an und drückte auf ihn ab. Das Pulver brannte ab und der Schuss versagte.
Der Schwarze lachte: "Armer Schütze! Schiess nach Raben, aber nicht nach mir. Wagst du so etwas zum zweitenmal, so zerschmettere ich dich."
"Du? mich?" schrie Rinaldo wütend und ausser sich, warf die Büchse von sich, stürzte auf ihn los, packte ihn bei der Brust und fühlte sich auf einmal von gigantischen Armen umfasst, gedrückt und so heftig zu Boden geworfen, dass ihm hören und Sehen verging.
Als er wieder zu sich kam, fand er seinen Kopf blutend, und der Schwarze war nicht mehr zu sehen. – Seine Wut gestattete ihm keine Worte. Er raffte sich auf, nahm sein Gewehr und eilte mit raschen Schritten davon.
Kaum war er etliche dreissig Schritte weit gegangen, als er am Wege hinter einem Strauche eine elende, zerlumpte, menschliche Figur erblickte, die ihn kaum gewahr wurde, als sie aus vollem Halse ihm zuschrie:
"Ach mein lieber, guter, edler Hauptmann!"
Rinaldo stutzte, ging näher und erblickte seinen getreuen Lodovico, der sich aufzuraffen suchte, indem ihm die Freudentränen über die Wangen liefen.
RINALDO Um des himmels Willen, Lodovico! wie siehst du aus?
LODOVICO Schrecklich muss ich aussehen! Nicht wahr, ich bin ein wahres, leibhaftiges Konterfei des menschlichen Elends? ein Bild des Unglücks und der Verzweiflung?
RINALDO Unglücklicher, wie bist du in diesen Zustand geraten? du siehst fürchterlich aus.
LODOVICO Elend, zerlumpt, am ganzen leib zerrissen und zerschlagen.
RINALDO Rede nur, was ist dir begegnet?
LODOVICO Ach! hört mich an. – Als Ihr mich in jenem wald fortschicktet, mich in der Gegend des Schlosses der Frau Gräfin Martagno aufs Rekognoszieren zu legen, richtete ich meine Sache recht klug ein und erfuhr, dass die Gräfin dermalen nicht dort, sondern auf einem andern schloss sei, das mir beschrieben wurde. Ich machte mich gleich dahin zu auf den Weg. Schon hatte ich die Gegend erreicht und war kaum noch hundert Schritte von dem schloss entfernt, als auf einmal, der Teufel weiss, wo er herkam! – ein ganz schwarz verkappter Mann vor mir stand.
RINALDO Wie? Ein schwarzer verkappter Mann?
LODOVICO Wie ich Euch sage. – Er forderte mich in einem gebietenden Tone vor den strengen Richterstuhl der Richter der Wahrheit im Verborgenen. Ich lachte darüber, und als er grob wurde, schlug ich ihn hinter die Ohren. Das bekam mir übel. Der Kerl packte mich mit Riesenstärke an, warf mich wie einen Sperling zu Boden, maulschellierte mich, links und rechts, so lange ab, bis mir alle Sinne vergingen, warf mich dann wie ein Feldhuhn auf die Achsel und schleppte mich fort bis vor eine Kapelle, wo er mich wie einen Nusssack niederwarf. – Sogleich ging die Tür der Kapelle auf, zwei schwarze Kerle kamen heraus, zogen mich bei den Beinen hinein, wie eine abgeschlachtete Ziege, und warfen mich wie einen Tornister in eine finstere kammer. Da lag ich ein paar Tage auf einer Handvoll Stroh und bekam wasser und Brot, und noch dazu sehr spärlich, zur Kost. – Endlich wurde ich abgeholt und vor drei verkappte Figuren geführt, die, von vielen natürlichen Skeletten umgeben, an einer schwarzen Tafel sassen. Diese nannten sich meine Richter und sagten mir, ich sei ein Schelm, ein Spitzbube und dergleichen mehr. Ich war der Klügste und schwieg. Endlich sagten sie, ich hätte schon längst den Strang verdient, von ihnen sollte ich nicht gehängt werden, für meine begangenen Verbrechen aber zu einer Total-Busse verdammt sein. Mit der Sentenz wurde ich abgeführt, von vier Henkersknechten entkleidet und bis aufs Blut gegeisselt. So ging's alle Tage. Die Kerle hieben so unbarmherzig auf mich zu, dass mir die Geisselhiebe bis auf die Knochen drangen. Endlich war nichts mehr an mir zu zerhauen und so warfen sie mich diesen Morgen zur Kapelle hinaus. Ich kroch bis hierher, und weiter kann ich nicht.
RINALDO Wie? und dieser Busse sollte ich mich auch unterwerfen?
LODOVICO Ihr? Gott bewahre Euch und alle Menschen davor! Hier erzählte ihm Rinaldo, was ihm begegnet sei. Lodovico kreuzte und segnete sich und Rinaldo schrie:
"Komm, lass uns das infernalische Nest in Brand stecken!"
Kaum hatte er ausgesprochen, als der schwarze Unhold vor ihm stand und ihm entgegendonnerte:
"Elender Wurm! Hast du die Kraft meines Armes noch nicht genug gefühlt? Soll ich dich ganz vernichten?"
Wie ein Rasender eilte Rinaldo, ohne Antwort, mit gezogenem Dolche auf ihn zu. Der Schwarze wich aus. Rinaldo raffte alle seine Kräfte zusammen, packte ihn mit der rechten und stiess ihm mit der linken Hand den Dolch auf die Brust. Der Stoss gab einen