trat in das Vorzimmer, fand es verschlossen und konnte nicht begreifen, wohin die Gestalt so schnell gekommen war. Er durchleuchtete alle Winkel und sah nichts; er lauschte und hörte nichts.
Im Zurückgehen nach seinem Zimmer wurde er auf dem Vorsaale eine halboffene Tür eines Schrankes gewahr, glaubte die Gestalt etwa in dem Schranke zu finden, riss die Tür heftig auf, sah ein Skelett, bebte betroffen zurück, und das Licht fiel ihm aus der Hand.
Er eilte in sein Zimmer, holte ein anderes Licht, stürzte mit gespanntem Terzerol auf die vorher offene Schranktür zu und fand sie jetzt fest verschlossen. Umsonst bemühte er sich, sie zu öffnen, sie war so fest eingepasst und verschlossen, als sei sie niemals geöffnet gewesen.
Er stand, stutzte und wusste nicht, wozu er sich entschliessen sollte. – Unmutig und betroffen raffte er endlich das ihm entfallene Licht auf, ging in sein Zimmer, verschloss die Tür und legte sich zu Bette. Kaum war er den folgenden Morgen dem Lager entstiegen, als er zu Violanten eilte, die eben im Begriff war, ihr Zimmer zu verlassen, und zu Dianoren gehen wollte.
"Die Gräfin ist gar nicht wohlauf", – sagte sie. – "Ich darf sie heute keinen Augenblick verlassen. Es soll Euch aber an Eurer Bequemlichkeit nichts abgehen. Sobald ich Euch sprechen kann, komme ich zu Euch. Vielleicht kann es heute Abend nur spät, vielleicht gar nicht geschehen. Lasst Euch das nicht irremachen. Morgen vielleicht sehen wir uns öfter; vielleicht seht und sprecht Ihr auch morgen schon Dianoren. Wir wollen hoffen, dass alles nach Wunsche gehen kann."
Mit dieser Erklärung wenig befriedigt, ging Rinaldo nach seinem Zimmer zurück. – Als er an den mysteriösen Schrank kam, blieb er stehen, betrachtete denselben genau und fand ihn noch immer wohlverschlossen. Einige Gemälde auf dem saal fesselten seine Aufmerksamkeit. Sie schienen die Folge einer geheimnisvollen geschichte in Bildern zu sein. Auf zweien sah er die ihm erschienene schwarze Richtergestalt abgebildet. Einmal stand sie drohend mit einem gezogenen Dolche vor einem liebenden Paare, das sich fest umschlungen hielt; das zweitemal erschien sie in einer Kapelle und fasste ein Frauenzimmer bei dem Arm, das betend vor dem Altare lag.
Die Ankunft des Mädchens, welches ihm ein Frühstück brachte, störte ihn in seinen keineswegs artistischen Betrachtungen.
"Habt ihr" – fragte er das Mädchen, als sie im Zimmer waren, – "schwarzbekuttete Mönche in der Nachbarschaft?"
"Ja", antwortete das Mädchen. – "Auf dem steilen Berge dort oben, über dem dorf, liegt ein Kloster der Karmelitermönche, und diese tragen schwarze Kutten."
"Kommen zuweilen welche von diesen schwarzen Mönchen hierher?" –
"Jährlich dreimal", – gab das Mädchen zur Antwort, – "kommt der Terminierer zu uns und sammelt die bestimmten Almosen ein." "Sind diese Karmeliter die Beichtväter des Schlosses?" "Nein! das sind Franziskaner. Ihr Kloster liegt dem schloss gleich gegenüber. – Mit den Karmelitern haben wir hier gar keinen Verkehr im schloss." Rinaldo fragte nicht weiter. Das Mädchen ging, und er trat ans Fenster, das Karmeliterkloster genau in Augenschein zu nehmen. Die Zeit wurde ihm lang. Er forderte etwas zu lesen. Man brachte ihm eine alte Chronik. Er las und gähnte, harrte und hoffte. – Der Tag verging, der Abend kam, und Violanta liess sich nicht sehen. – Endlich erhielt er durch das Mädchen ein Billett von ihr. Sie schrieb:
"Heute sprechen wir uns nicht. Morgen werdet Ihr mehr von mir hören."
Es wurde Nacht. Er verschloss seine Tür. Der schwarze Gerichtsbote kam nicht.
Als er früh aufgestanden war und zu Violanten gehen wollte, kam ihm das Mädchen mit einem Briefe von ihr entgegen. Er riss ihn auf und las:
"Dianora hat von mir erfahren, dass Ihr hier seid. Sie hat ihr schreckliches Geheimnis ganz in meinen Busen geschüttet, und ich weiss nun, wer und was Ihr seid. Verlasst eilig dieses Schloss. Auch wir haben es verlassen. Wenn Ihr diesen Brief empfangt, sind wir uns nicht finden, dazu sind unsere Massregeln schon getroffen. Flieht und rettet Euch: denn wenn die strengen Richter der Wahrheit Euern Aufentalt auskundschaften sollten, werden sie Euch nicht lange Zeit gönnen, Eure Freiheit zu benutzen. Lebt wohl, Ihr furchtbarer, verrufener, unglücklicher Mann! – Gott bessere, bekehre und schütze Euch! Violanta."
Bin ich denn überall ein Spiel der Verkappten! Muss ich allentalben nur im Dunkeln schleichen? Flieht auch selbst die Liebe meinen Namen wie ein Verbrechen? Nun dann, hinab mit dir, Unglücklicher, in den Schoss deiner Mutter! schrie Rinaldo ausser sich, ergriff ein Terzerol, spannte und setzte es an den Mund.
Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sank sein Arm, und das Terzerol entfiel seiner Hand. Er wendete sich rasch herum, und der schwarze Forderer stand hinter ihm. Er drohte ihm mit dem Finger und verliess das Zimmer.
Rinaldo erholte sich kaum nach und nach, als er seine Büchse ergriff und das Schloss verliess. Er schlug einen Hohlweg ein und war kaum hundert Schritte weit in demselben gegangen, als der Schwarze ihm entgegenkam und ihm zurief: "Erscheine!"
"Wo trifft man euch?" – fragte Rinaldo entschlossen.
"Rechts auf jener mit Pappeln bewachsenen Anhöhe wirst du eine Kapelle