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schliesse ja nicht zu rasch auf das Innere. Ich selbst habe einmalDie Räuber verkleiden sich, geben sich Titel und Namen, und – – Seid auf eurer Hut! Selbst der gefürchtete RinaldiniAch Gott! – Wenn er

VIOLANTA Was ist Euch?

DIANORA Meine AugenAch! – Mein Kopf

VIOLANTA Gräfin!

DIANORA Ruhig, es wird vorübergehen. – Ein Schwindel – – Es ist schon wieder gut. – Ach! der Traum! der Traum! – Bringe mich zu Bette.

Violanta führte sie in ein Seitenzimmer. – Rinaldo ging über die Galerie in Violantens Zimmer zurück, wo er sich auf das Sofa warf und seinen Tränen freien Lauf liess. laut jammerte er:

"Dahin, Unglücklicher, hast du sie gebracht! Nicht genug, dass du selbst der Unglücklichste der Unglücklichen bist, musst du auch die reinsten Herzen, die sich dir nahen, dir nach in den Abgrund ziehen, der mit allen Schrecken des Todes sich dir entgegendehnt." Die Tür des Zimmers ging auf. Er suchte sich zu sammeln. – Ein Mädchen trat ein und sagte:

"Herr Baron, ich soll Euch Euer Zimmer anweisen."

Er stand auf und folgte dem Mädchen, die ihn in ein artiges Zimmer führte. Sie liess ihm Licht, ging, kam wieder, deckte den Tisch und besetzte ihn mit kalten speisen, Früchten und Wein. "Madonna Violanta lässt Euch wünschen, wohl zu ruhen", – sagte das Mädchen und verliess das Zimmer.

Rinaldo hatte weder Appetit noch Schlaf. Die Stunde der Mitternacht nahte sich schon, und er war noch immer munter und wach. – Da klopfte es leise an seine Tür. Er öffnete die Tür, und Violanta stand vor ihm.

"Es ist mir sehr lieb", – sagte sie, als sie ins Zimmer trat, "dass ich Euch noch wach und munter finde."

ER O! Ihr findet mich in einer Unruh, in einer Bewegung, die ich nicht zu schildern vermag. – – Euer GesprächAlles habe ich gehört. – O! es hat mich zermalmt.

SIE Was gedenkt Ihr zu tun?

ER Dianora wird gewiss endlich noch nachgeben, mich zu sehen.

VIOLANTA O! sie hat es schon.

ER Hat sie? – Violanta! Sie will mich sprechen? O! sagt Ja und macht mich glücklich. – Was will sie? – Was sagte sie?

SIE Wir haben noch viel und lange von Euch gesprochen, als ich sie zu Bette gebracht hatte. Ich habe sie halb und halb schon vorbereitet. In einigen Tagen, hoffe ich, sollt Ihr sie sehen und sprechen können.

ER O Violanta! wenn ich

SIE Keinen Dank! Ich bin Euch meine Rettung und das freundlichste Geschenk des Daseins, mein Leben, schuldig. – Morgen sprechen wir weiter davon. – Nehmt meine gute Nachricht mit aufs Lager zur sanften Ruh.

Sie ging. Rinaldo blieb in einer heftigen Bewegung zurück. – Er wollte endlich sich entkleiden, als er Fusstritte vernahm, die auf sein Zimmer zukamen. Die Tritte waren männlich und stark. Sie kamen näher. Die Tür ging auf. Eine lange, hagere, schwarz gekleidete männliche Gestalt trat in das Zimmer. Eine schwarze Larve bedeckte das Gesicht der Figur, und eine Kapuze war über ihren Kopf gezogen. Ein Knotenstrick umgürtete ihren Leib; Füsse und hände waren bloss. Diese imponierende Gestalt stellte sich gerade vor ihn hin und drohte ihm mit aufgehobenem Zeigefinger. Rinaldo blieb fest stehen, legte die rechte Hand an ein Terzerol und fragte:

"Wer bist du? Was willst du?"

Mit dumpfer stimme gab die Gestalt ihm Antwort:

"Ich lade dich ein, binnen 24 Stunden vor dem Richterstuhle der strengen Richter der Wahrheit, der Richter aller Verbrechen, die im Verborgenen schleichen, ihnen aber aufgedeckt sind, zu erscheinen. Kommst du nicht, so wird man dich abholen."

"Was habe ich mit Unbekannten zu schaffen?" – sagte Rinaldo. – "Und wer gab Euch das Recht, Euch meine Richter zu nennen?"

"Deine Vergehungen, deine bösen Taten und Verbrechen gaben es uns, welche uns das Recht geben, alle Menschen zu richten."

"Du sprichst von Recht? – Recht verkriecht sich nicht in Dunkel und Nacht."

"Wohl dir, wenn wir dich nicht ans Licht bringen, denn dort erwartet dich das Henkersschwert."

Gelassen, doch nicht ohne Bitterkeit, fragte Rinaldo:

"Und was erwartet mich bei Euch?"

"Busse."

Rinaldo lächelte, wie einer lächelt, der den andern einer Grosssprecherei wegen etwa bemitleidet. – Der Schwarze behielt seinen imponierenden blick, seine gebietende Stellung, und fragte:

"Keine Antwort?"

Schweigend wies ihm Rinaldo die Tür und lächelte.

"Keine Antwort?" – fragte der Schwarze wieder.

Rinaldo wies ihm abermals die Tür und sagte: "Dies ist meine Antwort."

Der Schwarze trat einen Schritt näher, fixierte ihn stark und fragte:

"Du wirst also nicht gutwillig zu uns kommen?"

"Nein!" – antwortete Rinaldo entschlossen.

"So wird dich Gewalt zu uns bringen."

"Die erwarte ich. – Was könntet ihr tun? Wie weit geht eure Gewalt gegen Männer meinesgleichen?"

"Du wirst es erfahren."

Damit verliess die sonderbare Gestalt trotzig das Zimmer. – Rinaldo ergriff das Licht, ihr nachzueilen,