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entgegen, die ihn von der Sache abbringen sollten, es aber nicht vermochten.

Indem sie noch sprachen, wurde auf einmal eine Glocke, die in Violantens Zimmer ging, heftig angezogen. Sie sprang auf, nahm einen Schlüssel und ein Licht und wollte das Zimmer verlassen. Rinaldo war dreist genug, sie zurückzuhalten.

ER Wohin geht Ihr?

SIE Dasdarf ich Euch nicht sagen.

ER Wohin ruft Euch diese Glocke? – Ach! gewiss zu Dianoren? – Sie ist hier!

SIE Ihr irrt Euch.

ER Nein, nein! Mein Herz sagt es mir, sie ist hier. Ihr wollt zu ihr gehen. O! sagt ihr, dass ich hier bin, dass – – Nein! ich gehe mit Euch, ich folge Euch, ich muss sie sehen.

SIE Der Schreck würde sie töten.

ER Ha! Ihr habt Euch verraten. Sie ist hier! – Fort, fort! zu ihr.

SIE Um aller Heiligen willen, nicht!

ER Sie ist hier!

SIE Ja, das Geheimnis ist verraten. Sie ist hier. Aber sehen dürft Ihr sie nicht. Sie lebt still und einsam gleich einer Büssenden. Euer Anblick würde sie vernichten.

ER O Violanta! wenn Ihr je geliebt habt, lasst sie mich sehen.

SIE Ich darf und kann es nicht tragen. Ihre Gesundheit ist ganz zerrüttet, ihre Nerven sind abgespannt, Eure Erscheinung würde sie zu Boden schmettern.

ER Kann ich sie nicht, ungesehen von ihr, sehen? – Ich will sie ja nur sehen, nicht sprechen, wenn es nicht sein darf. O! sie ist mir so teuer! Ich liebe sie! Ihr Leben ist mir werter als das meinige

Die Glocke ertönte wieder, schneller und stärker.

SIE Heiliger Gott! es könnte ihr etwas zugestossen sein. Haltet mich nicht auf!

ER Ich muss sie sehen!

SIE Ungestümer! folgt mir, aber hütet Euch, ein Wort zu sprechen.

Sie ging. Er folgte ihr durch eine Galerie in ein Zimmer. Hier wies ihm Violanta seinen Platz an einem kleinen Fenster an und ging von ihm.

Rinaldo sah in ein ganz schwarz dekoriertes Zimmer, in welchem auf einem Tische vor einem Kruzifix und einem Totenkopf zwei brennende Wachskerzen standen, die die Nacht des Zimmers nur schwach erhellten. – In dem Zimmer selbst wankte eine weibliche, schwarz gekleidete Gestalt auf und ab; bleich und abgezehrt. Rinaldo erkannte in ihr Dianoren. Tränen entstürzten seinen Augen, seine Lippen bebten, seine hände zitterten, seine Füsse wankten.

Violanta trat in das Zimmer und nahte sich Dianoren. Rinaldo hörte sie sprechen.

"Ach wo bleibst du?" – sagte Dianora, indem sie ihr Gesicht auf Violantas Schulter legte. – "Ich war ein wenig eingeschlummert und hatte einen schrecklichen Traum. Es träumte mir: Er war hier, der Ehrvergessene, nahte sich und fuhr mit blutiger Hand mir über das Gesicht. Das Blut rann von seiner Hand über meinen Busen hinab auf mein Kleid und brannte wie Feuer durch alle meine Glieder. – Der Schreck machte mich wach! ich dankte der gnadenreichen Jungfrau, dass ich nur geträumt hatte. Aber der Traum hat mich sehr angegriffen. – Ach! dass ich den Unglücklichen doch nie wieder säh'!"

VIOLANTA Nie?

DIANORA Nie! weder wachend noch im Traume.

VIOLANTA Meintet Ihr neulich nicht, gewisse Anzeigen von seinem tod zu haben?

DIANORA Ja! das warIch glaubte es. – Und es wird auch wohl so sein.

VIOLANTA Wenn Ihr ihn nie wieder zu sehen wünscht, so glaubt es. Ist es aber das nicht, –

DIANORA O ja! es sei. Um meinetwillen und um seinetwillen sei es.

VIOLANTA Auch um seinetwillen?

DIANORA Auch, und noch mehr als um meinetwillen, denn der Unglückliche ist einUngetreuer. Untreue verdient den Tod. Und erhat ihn schon längst verdient. Er hat mich betrogen, und sein Name ist – – Ach! nichts mehr von ihm. Es war ja alles nur ein Traum! Er bleibe ewig von mir fern. – Er wird nie wieder zu mir kommen.

VIOLANTA Wenn aber nun

DIANORA Nein, nein! Er darf nicht wieder zu mir kommen. Ich darf keine Gemeinschaft mit ihm haben, denn er ist jaein Ungetreuer.

VIOLANTA Und wenn nun seine Reue

DIANORA Seine Reue kann seine Verbrechen nicht ungeschehen machen. Er ist ein grosser, ein gefürchteter Verbrecher.

VIOLANTA O! fürchtet ihn nicht. Vielleicht liebt er Euch doch noch.

DIANORA Aber ich darf ihn nicht lieben. – O Violanta! wenn du wüsstestGenug! Kein Wort weiter von ihm.

Sie setzte sich auf ein Sofa, Violanta setzte sich zu ihr. – Nach einer langen Pause fragte Dianora:

"Weisst du nichts Neues aus der Welt?"

VIOLANTA Etwas aus der Nähe, aus unserm schloss.

DIANORA Was ist es?

VIOLANTA Ein Fremder ist hier und hat um ein Nachtlager gebeten.

DIANORA Er weiss doch nicht, dass ich hier bin?

VIOLANTA Nein. Ich habe ihm das Nachtlager zugesagt, weil er ganz rechtlich aussieht.

DIANORA Wer er ist, weisst du nicht?

VIOLANTA Er hat seinen Namen noch nicht angegeben.

DIANORA Seht euch alle wohl vor! Ihr wisst, dass Räuber umherschweifen.

VIOLANTA Der Fremde hat nichts Räubermässiges an sich.

DIANORA Der Schein trügt! Ich sage dir: der Schein trügt. Von dem Äussern