Fittiche des Totenengels
Rauschten fürchterlich um mich,
Aber keines Westwinds Kühlen
Schlich um meine Locken sich.
Fiel ein holder Strahl der Sonne
Hier und da auf meinen Pfad,
Glänzt' er blutig mir entgegen,
Floh er eine Räubertat;
Und im sanften Mondenschimmer
Hört' ich keinen Grillensang,
Hört' ich nur das Mordgewimmer,
Das aus Klüften zu mir drang.
Ach! wohin bist du geflohen,
Meiner Jugend Heiterkeit?
Ach! wie schnell bist du entschwunden,
Meines Lebens Rosenzeit?
Einsam, traurig, und verachtet,
Weil ich, wo die Furcht mich deckt,
Wo kein Glanz der Morgensonne
Mich zu Lebensfreuden weckt.
"Rinaldo", – sagte Olimpia, die herzugetreten war, indem sie die Hand auf seine Schulter legte, – "Rinaldo, nie wieder ein solches Lied oder ich vergehe. – Grausamer, wozu diese Selbstpeinigung?"
"Sie ist meine Busse", – antwortete Rinaldo.
"Nein! sie ist dein Verderben!" – fuhr Olimpia fort. – "Sie nimmt dir Mut und Kraft und macht dich zaghaft. In Gefahren wird dich dein Mut verlassen und du wirst deinen Qualen eher als deinen Feinden unterliegen. Mit diesen Empfindungen kannst du nicht an die Spitze der Korsen treten, und so, selbst zermartert, wirst du den Kampf des Helden nie fechten."
"Ich verlange nur einen ehrlichen Tod!" – seufzte Rinaldo.
"Armes Vaterland!" – stöhnte Olimpia und verliess ihn.
Er blieb lange nachdenkend sitzen, stand endlich auf, nahm die Guitarre mit sich, erkletterte einen Berg und warf sich unter einer hochbejahrten Fichte nieder. Hier überschaute er die Gegend. Er wurde einen Menschen gewahr, der auf das Tal zuging und sich endlich seiner wohnung nahte. – Er ging in dieselbe, und bald darauf trat Olimpia in die Haustür und rief Rinaldo. Dieser ging hinab und fand einen Boten mit folgendem Briefe an sich.
"Deine Freunde freuen sich deiner Errettung und verehren deinen Erretter. Unsere Anzahl wächst täglich und Schiffe sind schon im Handel. Wir treffen uns alle dort, wo dich Ruhm und Ehre und die Tapfersten ihres Vaterlandes erwarten."
Rinaldo wollte den Boten sprechen, und er war schon wieder fort. – Bald darauf lud ihn Olimpia zum Mittagsmahl ein. Die Mahlzeit war klein, aber gut, und herrlicher Wein strömte in die Becher. drei Tage entflohen in dieser Einsamkeit Rinaldo im dumpfen Unbewusstsein seiner selbst; Olimpia schien ihn mehr bemerken als stören zu wollen. Sie schrieb Briefe. Rinaldo war nicht neugierig, sie zu lesen, ob sie gleich oft offen, vielleicht absichtlich, vor seinen Augen lagen. Sie erhielt Briefe durch einen Boten, dem sie die ihrigen mitgab. Rinaldo verlor kein Wort an den Boten.
Den vierten Tag gegen Abend sassen die Hüttenbewohner vor der Haustür still und stumm, wie ein paar verstimmte Eheleute, nebeneinander, als eine menschliche Figur das Tal herauf auf ihre wohnung zukam. Sie kam näher, trat dreist herzu und grüsste sie mit den Worten:
"Friede sei mit euch! im Namen des Alten von Fronteja, dessen Jünger einer ich bin."
Es war ein hübscher Bursch, der das sagte und zugleich Olimpia einen Brief überreichte. Indes sie las, fragte Rinaldo:
"Wie befindet sich dein Meister?"
"Wie immer ist er wohl und auf das Glück seiner Freunde bedacht" – war die Antwort.
Olimpia hatte gelesen. Der Jünger des Alten von Fronteja klagte Durst, Hunger und Müdigkeit. Sie trug sogleich Speise und Trank auf und wies dem gast alsdann ein Nachtlager an.
Rinaldo sass noch vor der Haustür und hatte sich in Betrachtungen am Firmament verloren, als Olimpia wieder zu ihm trat. Es kam jetzt zum Gespräch.
SIE Soeben erhalte ich Nachricht, dass Freunde aus Korsika bei unserm Freunde in Fronteja angekommen sind. Sie brennen vor Begierde, dich kennenzulernen, und werden uns in einigen Tagen besuchen. Ich sage dir das mit besonderer Freude, denn mein Bruder ist mit unter den Korsen, die gekommen sind und uns besuchen werden. – Luigino hat sich wieder verstärkt und hat eine vorteilhafte Position genommen. Binnen drei Wochen werden für uns vier Fregatten segelfertig sein. Alles lässt sich erwünscht an, und nur der kühne Rinaldo, auf den die Blicke der Erwartung gerichtet sind, ist nicht, wie er sein sollte. Er ist zurückhaltend, in sich selbst verloren. –
ER Da, wo er sich braucht, wird er sich schon wieder finden.
SIE O! dass wir das hoffen könnten! – Rosalie ist zu Fronteja. – Ich werde ihr schreiben, du wünschtest sie hier zu sehen.
ER Das willst du tun?
SIE Und warum nicht? Vielleicht – ja, gewiss! macht dich ihre Gegenwart heiterer als die meinige. Das ist ja Gewinn für uns alle. Mit deiner Heiterkeit wird dein unternehmender Geist wieder erwachen, den deine üble Laune eingeschläfert hat. Ja, Rosaliens Gegenwart wird ihn wecken. Sie bleibt bei dir, und ich gehe nach Fronteja.
ER Warum das?
SIE Du wirst mir doch wohl nicht zumuten wollen, hier zu bleiben, wenn Rosalie bei dir ist? Nein, Rinaldo, so unempfindlich ist mein Herz nicht, dass es die Gegenwart einer glücklichen Nebenbuhlerin ohne Eifersucht ertragen könnte. Meine Entfernung wird mir deine Freundschaft erhalten, und meine Liebe – will ich zu verabschieden suchen.
Rinaldo schwieg, Olimpia zündete Licht an,
wünschte ihm wohl zu ruhen und ging. –