selbst, als er allein war: – "zu wissen, dass ich bei all meiner vermeinten Selbständigkeit nur ein Werkzeug wahrer oder erdichteter Pläne listiger Menschen bin. Aber, Geduld! auch sie sollen erfahren, was ich wirklich bin oder nicht. – Und doch, was will ich tun? – Ist die Rolle, die sie mich wollen spielen lassen, nicht ehrenvoll genug? Mein Untergang ist gewiss. Soll ich nicht lieber den Tod unter den Waffen als am Hochgerichte suchen?" Olimpia unterbrach dieses Selbstgespräch. Sie trug sehr geschäftig ein gutes Frühstück auf. So, wie sie sich jetzt benahm, schien sie zu einer Haushälterin geboren zu sein. – Rinaldo machte diese Bemerkung gegen sie. Sie lachte und antwortete nur, indem sie ging:
"Lass es dir wohl schmecken."
Rinaldo liess sich das Frühstück wirklich schmekken. – Olimpia kam bald zurück und leistete ihm Gesellschaft. Sie sprach von nichts als von Haushaltungsgeschäften, so detailliert, dass Rinaldo selbst Kenntnisse bewundern musste, die er nie bei ihr zu finden geglaubt hätte. Er suchte sie aber bald wieder auf ihr voriges Gespräch zurückzubringen, und sie wiederholte nur, was sie schon gesagt hatte. Dann wollte sie, wie sie sagte, Vorbereitungen zur Mittagsmahlzeit zu machen, aus dem Zimmer gehen. Er hielt sie aber zurück und fragte:
"Soll denn die edle Korsin nichts weiter sein als Rinaldinis Köchin?"
SIE Sie ist wohl mehr als dies. Sie wünscht dem Befreier ihres Vaterlandes alles zu sein, und dazu gehört die Köchin und Haushälterin auch mit. Ich habe bei diesen häuslichen Geschäften Prinzessinnen zu Vorbildern und schäme mich keiner Arbeit, die ich aus so edlen Absichten übernehme. Wenn der Name Rinaldini im Marmor prangt, schreibe ich den Namen seiner Köchin mit Kohle daneben und setze dazu: diese hat ihn mit speisen erhalten, damit er ihrem vaterland das werden konnte, was er ihm wirklich wurde. Zwar dein Name steht dann fester als der meinige auf der Säule des Ruhms, aber ich kann ihn erneuern, sooft ihn der Regen verwischt hat. – Wenn aber meine Tränen einst auf den Hügel fallen sollten, der deine Asche deckte, so würde ich den Himmel bitten: gib ihm, um den ich weine, nicht nur meine Tränen, gib mich ihm ganz, wie ich ihm mich selbst gegeben habe.
ER Olimpia! diese Schwärmereien sind –
SIE O! keine Antwort! so etwas will nicht beantwortet, es will gefühlt sein.
ER Träume lassen kein Gefühl zurück.
SIE Die Rückerinnerung.
ER Auch jenseits des Grabhügels?
SIE Das hoffe ich.
ER Und weisst du gewiss, dass der meinige sich in Korsikas Tälern erheben wird?
SIE Wo es auch sein mag, nur immer so spät als möglich; und kann es sein, neben dem meinigen: denn ich gehe nicht wieder von dir, bis das Schicksal mich von dir reisst. Mein Dasein ist an das deinige gekettet und ich kann sterben; aber von dir gehen, dich verlassen kann ich nicht. Hier hast du mein Bekenntnis. –
ER Bei dem Alten von Fronteja, meinst du, sei Rosalie?
SIE In Sicherheit ist sie gewiss, und in deinem Herzen ist sie auch, das weiss ich. Daraus kann ich sie nicht vertreiben. Ich verlange aber auch dort nur den zweiten Platz, die Stelle nach ihr. Meine Forderung wird stets ebenso billig sein, als meine Liebe wahr und zärtlich ist. Sie ist keine Korsin, aber mein Herz hat sich in meine Vaterlandsliebe gehüllt. Willst du es entüllen! Ich widerstrebe nicht. Du sollst nicht von Schleiern hintergangen werden. Sieh und finde es, wie es wirklich ist.
Sie legte, als sie das sagte, ihren Kopf an seine Brust, umschlang ihn mit beiden Armen und grosse Tropfen entstürzten ihren tränenschweren Augen. Es wurde kein Wort gesprochen. Sie drückte ihn heftig an sich und ging schnell davon. "Ja! so ist es!" – sagte Rinaldo zu sich selbst. – "Ein Spiel alter Taschenspieler und listiger Weiber sollst du werden. Darauf ist es angelegt. Lass sehen, Rinaldo, wie du dich halten wirst?"
Er ging vor das Haus und überschaute die enge, begrenzte, wilde Gegend seines Aufentaltes.
Olimpia war in der Küche beschäftigt und sang bei ihrer Arbeit in starken Pausen. Dies weckte Rinaldos Gesangsliebe. Er fand eine Guitarre, sein Lieblingsinstrument, nahm sie, setzte sich vor die Tür seiner wohnung, spielte und sang:
Froh und heiter, unbeklommen,
Irrt' ich sonst durch Feld und Wald;
Und ein Sammelplatz der Leiden
Ist mir jetzt mein Aufentalt;
Mag ich durch die Felder wandern,
Such' ich einen kühlen Hain,
Überall, mit Gram und Kummer,
Bin ich, ohne Trost, allein.
Ruh und Freude lachten heiter
Mir in jedem Sonnenstrahl,
Und ich find' im Sonnenglanze
jetzt nur ein Meer von Qual.
O! ihr frohen Morgenstunden,
O! du sanfter Abendstern,
Ach! ihr seid so schnell verschwunden,
Seid mir nun auf ewig fern!
An die Tage froher Freude
Knüpfte sich des Kummers Band.
Ach! es hat mich ganz umschlungen
Seit es mich als Jüngling fand.
Wahnsinn trieb mich in die Wälder,
Trieb mich in der Felsen Nacht,
Und auf blutbespritzten Pfaden
Hat mir nie ein Stern gelacht.
Was den müden Wandrer labet,
Was ihm lächelt und entzückt,
Hat, umlagert von Verbrechern,
Nie mein armes Herz erquickt.