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sein kann, aufbrechen. Ich habe schon einen Plan entworfen, indessen möchte ich aber doch über unser Fortkommen und über das, was nun zu tun sein möchte, auch eure Meinung hören: denn daran zweifle ich gar nicht, dass ein jeder von euch im stillen darüber nachgedacht haben wird. – Sprich also, Terlini! Was meinst du?

TERLINI Ich meine ganz kurz, wir suchen in die Larinischen Berge zu kommen, wo wir Luigino gewiss antreffen werden.

BELLIONE Das ist auch meine Meinung.

ROMATO Auch die meinige. Denn hier sind wir weder sicher noch stark genug, uns halten zu können, da es uns noch dazu an Proviant und Munition fehlt.

RINALDO Das wär' zu bekommen. – Was meint ihr andern?

MARCO Ich habe keine Meinung als die deinige.

MANGATO Mir ist alles recht. Geht hin, wohin ihr wollt, ich gehe mit. – Aber am liebsten wär ich freilich wieder bei unsern Kameraden.

NERO Es ist nur die Frage: ist der Weg in die Larinischen Berge offen oder nicht?

RINALDO Das ist es, was vor allen Dingen untersucht werden muss.

LODOVICO Sicher ist er von Truppen besetzt.

TERLINI Unserer sind acht Mann. –

LODOVICO Über die Hälfte haben wir uns verschossen. Ich habe nur noch vier Patronen.

TERLINI Wir haben Fäuste und Säbel und sind beritten. Wir kommen durch.

RINALDO Wenn's möglich ist, gewiss. Aber Unmöglichkeiten kann auch der höchste Mut nicht erzwingen. Der Unserigen liegen viele, um nie wieder aufzustehen. Sollen wir ihnen unser Leben hintennachwerfen?

TERLINI Nun wohl, Hauptmann! so lass auch deine Meinung hören.

RINALDO Meine Meinung ist: Du schleichst mit Bellione und Romato auf Kundschaft aus. Eben das tun Marco und Mangato und suchen etwas Proviant zu bekommen. Wir andern durchstöbern den Forst. Vor uns erheben sich die Trümmer einer Burg mitten im wald auf einem Hügel. Dort ist der Sammelplatz, wo wir wieder zusammenkommen. – Dies ist meine Meinung. Gefällt sie euch nicht, so mag jeder tun, was er will, denn ich habe kein Recht, unbedingten Gehorsam von euch zu fordern. Ihr seid Luiginos Leute. Lodovico und Nero aber gehören mir an und bleiben bei mir.

TERLINI So fordere ich die andern auf, mit mir zu gehen. Wir haben Weiber und Kinder bei Luigino.

RINALDO Ihr habt euern freien Willen. – Geht ihr, so nehmt die Pferde mit euch, uns sind sie hier zur Last.

MARCO Ich gehe mit Terlini. Es ist mir aber doch ärgerlich, dass wir den grossen Rinaldini hier ohne Schutz lassen sollen.

RINALDO Ich habe Lodovico und Nero bei mir.

MARCO Sollte dir hier ein Zufall zustossen, beim Teufel! Luigino würde uns schön anlachen. RINALDO Seid ohne sorge! – Wir werden uns bald wiedersehen. Es entstand eine Pause. Nach derselben gab Terlini Rinaldo die Hand und nahm Abschied. Seinem Beispiele folgten Marco, Romato, Bellione und Margato. Sie nahmen die Pferde mit sich, und Rinaldo blieb mit Lodovico und Nero zurück. Schweigend bestieg Rinaldo den Hügel, auf welchem die Trümmer des zerfallenen Schlosses lagen. Lodovico und Nero folgten ihm schweigend nach.

"Ich sehe" – sagte Rinaldo, – "hier Fusstritte im Grase. Seid vorsichtig und auf eurer Hut."

Sie näherten sich den Ruinen. Vögel flogen bei ihrer Annäherung auf, aber eine menschliche Gestalt war nirgends zu sehen. – Sie kamen in einen grossen, rund umbauten Hof, sahen Eingänge ohne Türen und fanden eine Wendeltreppe, welche sie erstiegen. Sie führte bis in den zweiten Stock der Ruinen. Hier trat Rinaldo auf einen mit Lorbeersträuchern umwachsenen Söller, die Gegend zu überschauen. – Er übersah den Forst, blickte links in ein schönes Tal, sah rechts Berge undach! sah in eine bekannte Gegend.

"Lodovico!" – rief er aus, – "Kennst du die Gegend dort, rechts, noch?"

LODOVICO Sie kommt mir sehr bekannt vor.

RINALDO Sie ist es. – Siehst du dort jenes Schloss?

LODOVICO Ja, beim Teufel! es ist das Schloss der guten Frau Gräfin von Martagno.

RINALDO Es ist es! – Ja! es ist Dianorens Schloss! O Lodovico! erinnerst du dich noch des Schlosses?

LODOVICO Ich werde mich ja noch des Schlosses erinnern! Dort ging's uns wohl. Und wir konnten nicht bleiben.

RINALDO Ach Lodovico! so ist es nun einmal, so wird es immer sein! Wir dürfen nirgends bleiben, wo es uns wohl geht. Die Verfolgung kettet sich an unsere Fersen. – Ach Dianora! Weilst du noch zwischen jenen Mauern? – Denkst du an mich Unglücklichen? – Deine Lage? – O Gott! – Lodovico! du musst fort. Du musst kundschaften. –

LODOVICO Ich verstehe dich, Hauptmann, ohne dass du mir weiter ein Wort zu sagen brauchst, ganz. Lass mich nur machen! Du sollst Nachrichten haben, so gut sie nur zu haben sind. – Adio! Wir sehen uns bald wieder.

Er eilte davon. Rinaldo blieb in tiefes Nachdenken versunken, bis ihn Nero durch die Bemerkung, er sehe ein Haus im wald, aus seinem Traume weckte.

Rinaldo sah nach der bezeichneten Gegend, und sah das Haus, von welchem aber nichts als das Dach zu sehen war. – Sogleich war er entschlossen, die Bewohner des Hauses kennenzulernen, und verliess die Ruinen des Schlosses