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wiederzufinden. Auf den Kanarischen Inseln lächelt ein herrliches Klima. Reizende Täler, stille Auen laden uns dort ein. Nimm ein Weib und folge mir!

LUIGINO Ich kann mich nicht dazu entschliessen. – Ich fürchte die Ruhe und in der Ruhe mein erwachendes Gewissen. – Nicht auch du?

RINALDO Ich öffne der Reue mein Herz. Ich höre ihre versöhnende stimme und folge ihrem Rufe.

LUIGINO Und was kann sie tun? – Bereuen. – Kann sie aber auch ungeschehen machen, was geschehen ist?

RINALDO Sie kann vergüten.

LUIGINO Lass ihr Kirchen und Altäre bauen, sie schenkt dir dennoch keine sanften Träume. Der heitere blick auf die entflohenen Tage deines Tatenlebens wird dir von keiner Reue gegeben. Du hast dich berauscht; du erwachst, wehe dir! Nur ein zweiter Rausch kann den ersten vertilgen. Sieh, das ist meine Meinung: Rausch auf Rausch, bis es nichts mehr zu trinken gibt.

RINALDO Ach, Luigino!

LUIGINO Im Weine liegt Wahrheit. Höre meine geschichte. – Ich bin von Geburt ein Korse. Mein Vater war Gouverneur zu Bastia. Luigino ist nicht mein wahrer Name. Mein Vater war ein rechtschaffener Mann; er liebte sein Vaterland und hasste seine Unterdrücker, die Franzosen. Seine Gesinnungen blieben nicht unbekannt. Der französische General beobachtete ihn genau. – In den Tälern von Ajaccioli gab es einst einen Auflauf. Ein französischer Offizier war der Frau eines Korsen zu nahe gekommen. Dieser erschlug den Nichtswürdigen. Der General liess den Korsen binden und verurteilte ihn zum tod. Die Korsen befreiten ihn und ergriffen die Waffen. Mein Vater sollte den Auflauf stillen. Er war so unvorsichtig, zu sagen: er führe die Waffen nur gegen die Feinde seines Vaterlandes. Das brachte ihn ins Gefängnis. Der General liess ihn in dem Gefängnis als Hochverräter erdrosseln. Meine Mutter nahm einen Eid von mir, den Tod meines Vaters zu rächen, und stiess sich den Dolch in die Brust. – Dieser Dolch blieb mein Vermächtnis. Mit eben diesem Dolch stiess ich den französischen General nieder und entfloh in die Gebirge. Auf einem englischen Schiffe kam ich aus Korsika nach Sizilien. Meine Güter waren eingezogen worden, mein Name ward an den Pranger geschlagen. – Ich ergriff das Handwerk, das ich noch treibe. Dies war Wahl und Plan. – Ich zähle jetzt etliche Neunzig, denen ich befehle. Sie wissen zu fechten. Ihre Anzahl ist leicht zu vermehren. Schiffe sind zu kaufen. – Rinaldini, du hast Schätze, lege sie gut an; erwirb dir den Segen einer misshandelten Nation.

RINALDO Luigino! Wohin soll das führen?

LUIGINO Nach Korsika. Zerbrich mit mir die Ketten meines Vaterlandes! Tausende fliegen uns zu, vereinigen sich mit uns, und dein jetzt so verrufener Name glänzt dann gefeiert und hoch in den Jahrbüchern der Korsischen geschichte. – Dieses Glück können dir deine Liebschaften nicht geben; das Glück, der Befreier einer unterdrückten, tapferen Nation zu sein. Jetzt irrst du unstet und flüchtig aus einem Winkel in den andern, bist geächtet, verfolgt, dem geringsten Missetäter gleich geachtet, der im Hohlwege mordet, und wenn du willst, kannst du auf den Fittichen des Ruhmes emporsteigen zu dem Tempel der Unsterblichkeit. Vergessen sind deine Räuberstreiche. Die ganze Welt spricht dann von deinen glorreichen Taten. Münzen und Denkschriften, Ehrenbogen und Statuen verewigen deinen Namen; deine Büste steht im Tempel des Nachruhms, dein Name in der Reihe der Nationen-Retter. – Willst du enden, so ende so, und du endest beneidenswert gross!

RINALDINI Luigino, diesen Gedanken goss ein Gott in deine Seele.

LUIGINO Rinaldo, fühlst du das?

RINALDO Ja, Luigino, der Klang der zerbrochenen Sklavenketten deines Vaterlandes wird unser Gewissen beruhigen, alle Vorwürfe werden vor der angenehmen Harmonika zerbrochener Fesseln verstummen, und uns bricht ein neuer Tag des Lebens mit der wiedergeborenen Freiheit von Korsika an.

Marco erschien, lispelte Luigino etwas in die Ohren. Dieser sprang auf und ging mit ihm davon.

Rinaldo sah sich nach Rosalien um, und Olimpia kam auf ihn zu.

"Es ist nicht richtig!"

"'Was ist nicht richtig?'"

"Man spricht von Soldaten, von einem Angriff, von Gegenwehr", – antwortete Olimpia.

Rinaldo verliess sein Gezelt, ging hinaus, suchte Luigino und fand Rosalien mit roten Augen unter einem Baume. Als sie Rinaldo kommen sah, suchte sie ihre Tränen zu verbergen, aber das konnte ihr nicht gelingen.

RINALDO Du hast geweint, Rosalie? Warum?

ROSALIE Ich – – die Freude, dassdass ich dich wiederhabedass ich bei dir bin

ER Keine Verstellung, kein Vorgeben! Warum hast du geweint?

SIE Ich weiss es selbst nicht recht. Ich dachte nur

ER Was dachtest du?

SIE Ich dachte, wenn RinaldoAch! ich bin ein Kind!

ER Nur weiter!

SIE Wenn er dich nicht mehr liebte

ER Warum dachtest du das?

SIE WeilIch weiss es selbst nicht.

ER Ich will alles wissen!

SIE Die Signora

ER Soll dich nicht beunruhigen. – Ich liebe dich.

SIE Ich liebe dich nur ganz allein, undRinaldo! heiss mich von dir gehen, oder sag' das der Signora. In ihrer Gesellschaft bleibe ich nicht hier.

ER Kleiner Trotzkopf!

SIE Ich liebe dich.

ER Wenn du gehst, wird Olimpia bleiben. Bleibst du, so geht sie. So wird's wohl