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Er ist mehr als das. Die Kette, die er durch ganz Italien geschlungen, über Meere gezogen hat, ist ein Kunstwerk, das den Meister lobt. Du bist, seit du anfingst aufsehen zu erregen, immer für ihn ein willkommenes Augenmerk seines Wunsches gewesen. Du warst ein Glied für seine Kette, das er suchte. Er fand dich, ehe du es glaubtest. Du warst sein, ehe ihr euch gesehen hattet.

RINALDO Was sprichst du?

OLIMPIA Was ich weiss.

Sie lächelte, als sie das sagte, so, wie die Zuverlässigkeit selbst lächeln würde. Rinaldo heftete seine Blicke an den Boden. – Endlich fragte er:

"Gehörte der Kapitän auch mit zu der Kette des Alten von Fronteja?"

SIE Er war ein Abtrünniger. – Er lebte von Spekulationen, vom Spiele, von magischen Tändeleien.

ER Wie kamst du aber, und auch jetzt wieder, zu diesem Betrüger, den du als einen solchen kanntest?

SIE Ach! glaube mir; nur aus Geldmangel.

ER Aber deine vornehmen Verbindungen

SIE Von der notwendigkeit geknüpft, von der Laune zerrissen.

ER Was gedenkst du nun zu tun?

SIE Mich in deine arme zu werfen, bei dir zu bleiben; mit dir allen Gefahren, selbst dem tod entgegenzugehen. An deiner Seite will ich stehen, selbst fechten

ER Ich fechte nicht mehr. Meine Waffen will ich gegen Hacke und Spaten vertauschen und ein Einsiedler werden.

SIE So begleite ich dich in die Klause als deine Einsiedlerin. In meinen Armen sollst du ruhen, wenn du des Tages Schwüle und Last getragen hast. Erquikken will ich dich als eine sorgliche Wirtin mit Speis' und Trank, und in unsrer Einsiedelei soll es nicht an stillen Freuden fehlen. Komm, lass uns ziehen, mein Rinaldo, in die stille Freistätte des Glücks und der Ruhe. Nichts soll mir schwer, nichts unbequem werden. Die Liebe zu dir trägt leicht, trägt sicher und gern.

ER Du schwärmst!

SIE Ich bin ja bei dir, mein Lieber!

Hier liessen sich recht gut einige psychologische Bemerkungen einstreuen. Ob sie aber wohl gelesen, ob sie gefühlt würden werden! – Olimpia war das Weib, wie sie sein wollte. übrigens war sie ein schönes Weib und Rinaldo ein Mann voll Kraft und leidenschaft. So, liebenswürdig, stand er vor den Weibern: Ein herrliches Rot strahlte von seinen Wangen; die hellsten braunen Augen lagen, wie sanfte Sterne, in seinem gesicht. Sein gang war edel, fest und keck1. Über sein ganzes Wesen und Benehmen war eine Haltung, Feinheit und Waglichkeit ausgegossen, die ihm eben das gab, was Weibern gefallen kann. Ein lautes Gespräch vor dem Gezelte brachte drinnen alles wieder in Ordnung.

Luigino hatte Lebensart. Er liess auftragen, was Küche und Keller vermochten. Keine Aufwartung machte das Mahl beschwerlich. Man blieb, ohne Zeugen, den besten und gesuchtesten Gefühlen überlassen.

Da sprang der Pfropf von einer Champagnerflasche mit lautem Knall und flog der holden Donna gerade an die Stirn. Man lachte undleerte die Flasche.

"Man kommt" – sagte Olimpia, indem sie die Gläser füllte, – "bei süssen Genüssen doch selten ungeneckt davon; das aber macht sie nur angenehmer, reizender, sogarbegehrenswerter!"

Nicht ohne Geräusch trat Luigino in das Gezelt und sagte:

"Meine Leute haben eine Pilgerin aufgefangen, die Lodovico kennt."

"Das ist Rosalie!" schrie Rinaldo ahnend, sprang auf, stürzte aus dem Gezelte und flog wirklich Rosalien in die arme. Die Freudenszene des Wiedersehens lässt sich nicht schildern. – Rosalie, jener Blutnacht in Kalabrien entronnen, hatte lange in Einöden gelebt, war dann nach Sizilien gegangen, wo sie in Pilgerkleidern die einsamen Täler durchstreifte und endlich ihres Herzenswunsches gewährt wurde, des Wunsches, ihren Rinaldo wiederzufinden. – Olimpia, als eine sehr gewandte Liebende, benahm sich bei der Sache sehr klug, aber Rosalie konnte ihren Argwohn nicht verbergen. Sie gestand Rinaldo, was sie fürchtete, und er suchte sie darüber, so gut er konnte, zu beruhigen.

Luigino stellte Betrachtungen an, und als er mit Rinaldo allein sprechen konnte, nahm er sich die Freiheit, ihm seine Meinung zu sagen.

LUIGINO Ich sehe, Hauptmann, dass das Gerücht wahr redete, wenn es dich als einen erklärten Weiberfreund schilderte. Man hat dir also in diesem Punkte nicht zuviel getan.

RINALDO Vielleicht hat man es aber dennoch übertrieben.

LUIGINO Das will ich nicht entscheiden. Ich halte mich an das, was ich sehe.

RINALDO Und was denkst du dabei?

LUIGINO Das will ich dir offenherzig sagen. Ich denke, dass es sich nicht für dich schickt, deine Zeit mit Weibern zu vertändeln.

RINALDO Bist du ein Weiberfeind?

LUIGINO Das nicht. Aber meine Freundschaft gehört ihnen nur für einzelne Augenblicke, in denen mich die leidenschaft überrascht, die uns angeboren ist. Damit ist aber alles bald abgetan. Wir beiden leben nun einmal in einer Lage, in der wir einer Frau weder Haus noch Herd anweisen können. Unsere Kinder können wir nicht grossziehen. Und wenn auch; wozu? Zu unserm Handwerk? – In die Welt können wir sie nicht schicken. Sollen wir sie geradezu für Rabensteine erziehen? Das wollen wir doch wohl nicht?

RINALDO Lass uns also enden.

LUIGINO Der Weiber wegen doch nicht? – Enden? – Wir?

RINALDO Ich habe Schätze, die sicher vergraben liegen. Sie sind