Bei dir bleiben werde ich, aber Anführer deiner Leute kann ich nicht werden. Doch rechne im Fall der Not auf mich, wie auf jeden der Deinigen.
LUIGINO Nach deinem Willen! – Auf jeden Fall wird deine Anwesenheit grossen Eindruck auf meine Leute machen. Sie werden sich alle für die Deinigen halten.
Sie sprachen noch, als die Signale die Rückkehr einer Streifpartie mit Beute verkündigten.
Beinahe atemlos trat Lodovico in das Gezelt und sagte:
"Hauptmann! wir haben einen herrlichen Fang getan, einen Fang, der dich vergnügen wird. Der verdammte Hund, der Kapitän, und die schöne Olimpia sind uns in die hände gefallen."
Er sprach noch, als man beide gebunden in das Gezelt brachte, wobei der ganze Haufe jubelte:
"Viva valorosissimo Capitano Rinaldini!"
Rinaldo fuhr zusammen, als er die Gebundenen erblickte. Olimpia sah ihn einige Augenblicke schweigend und mit fragenden Blicken an, fiel dann vor ihm nieder und sagte:
"Ich überlasse mich deiner Gnade!"
Rinaldo winkte ihr betroffen, aufzustehen, und antwortete:
"Ich bin nicht der Anführer derer, die Euch beide zu Gefangenen gemacht haben. Dieser, der neben mir steht, ist es; an ihn richtet Eure Bitten. Ich bin nicht Euer Richter. – Aber da ich dir, grossmütige Freundin Olimpia, mein Leben verdanke und dir meine Freiheit in Kalabrien schuldig bin, so bitte ich meinen Freund Luigino, dir um meinetwillen die Freiheit zu schenken."
"Sie ist frei!" – rief Luigino.
Sogleich wurde sie entfesselt. Luigino aber fuhr fort:
"Was aber diesen sogenannten Kapitän betrifft, so führt ihn in die Höhle zur Haft, bis ich mich durch Lodovico unterrichtet habe, was er alles gegen meinen Freund, den grossen Rinaldini, getan hat."
Der Kapitän, der bisher unbeweglich gestanden hatte, erhob jetzt seine stimme und sprach: "Was ich gegen Rinaldini tat, würde jeder gute Staatsbürger getan haben, der einen Gauner der ersten Grösse unter seinen Mitbürgern sah."
"Du bist strafbar", – sagte Rinaldo, – "dass du diese deine Pflicht nicht eher erfüllt hast. Sie war dir aber für Geld feil. – Deinetwegen konnten die Staaten durch mich in Kontribution gesetzt werden, wie es mir beliebte, hätte ich dir nur mich selbst, als ein gewisses Kapital, überlassen, als einen Notpfennig, den du stets angreifen konntest, sobald es dir beliebte." –
"'Wie würdest du, Mann, dem sogar seine Heldentaten feil waren'", – fiel der Kapitän ein, – "'wie würdest du an meiner Stelle gegen den Räuber Rinaldini gehandelt haben?'"
"Nicht so wie du."
"'Das gilt Erklärung und Beweise.'"
Rinaldo sah Luigino an und fragte: "Willst du mir auch diesen, deinen Gefangenen, schenken?"
Schnell antwortete Luigino: "'Er ist dein'"
"Gut dann", – fuhr Rinaldo fort, – "so gehe, du mein ewiger Verfolger, und lerne mich kennen. Du bist frei, kannst gehen, wohin du willst, kannst sogar das Vergnügen fort geniessen, mich von neuem zu verfolgen, zu verraten und sogar endlich, – wie du sagst, nach deiner Pflicht, – mich der Obrigkeit zu überliefern. – Der Himmel hat Pest, hat Feuer- und Wasserplagen gegen die Menschen. Ich habe dich zu meiner Strafrute. Geh' und handle gegen mich, wie dein Herz dir gebietet. – Ich will meinem Schicksal nicht vorgreifen, und du – wirst dem deinigen auch nicht entgehen."
Als er dies gesagt hatte, verliess Rinaldo das Gezelt. – Der Kapitän sah keck ihm nach. Luigino kommandierte ergrimmt:
"Führt diesen After-Korsen mir aus dem Gesicht und aus dem Lager." –
Sogleich wurde Anstalt gemacht, diesen Befehl zu vollziehen. Trotzig folgte der Kapitän. Luigino rief ihm nach:
"Was Rinaldini tat, tut Luigino nicht. Nimm dich in acht, und mir komme nicht in den Weg!"
Er ging davon. – Olimpia blieb im Gezelt, bis Rinaldo dahin zurückkam.
OLIMPIA Berühmter Rinaldini! Du, der Schrecken und die Furcht der italienischen Staaten! Geächteter Mann! – Wie edel, wie gross hast du gehandelt.
RINALDO Nicht in diesem Tone!
OLIMPIA Sage mir die Wahrheit! Bist du wirklich nicht mehr Anführer dieser Menschen?
RINALDO Nein.
OLIMPIA Lebst aber doch unter ihnen?
RINALDO Das ist nicht meine Schuld. Ich soll, ich darf ja nicht in den Schoss der polizierten Welt zurückkehren.
OLIMPIA Tut dir das leid? O! bleib' in deinen Tälern, lebe zwischen Felsen ruhig und zwänge dich nicht in die bangen Scheidewände der Convenienzen. Was du dort findest, ist leicht zu entbehren. – O! dass es mir vergönnt sein möchte, zu leben in stiller Einsamkeit!
RINALDO Kannst du nicht in die Einsamkeit zu dem Alten von Fronteja gehen?
OLIMPIA Du kennst ihn?
RINALDO Wie wollte ich das sagen können? Gesehen, gesprochen habe ich ihn; er hat mir vielerlei gesagt und gezeigt, ja, die Szenen der berühmten Krata Repoa habe ich sogar mit angesehen; aber wie könnte ich mich vermessen, zu sagen: ich kenne ihn? – Kennst du ihn?
OLIMPIA Ich habe ihn nie gesprochen, nie gesehen und glaube doch, ihn zu kennen.
RINALDO Diesen feierlichen, geheimnisvollen, allumfassenden Scharlatan?
OLIMPIA