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zu wissen. Ich wollte nur fühlen, ob meine Rache in guten Händen wäre. Sie ist es; und Ihr habt noch eine Belohnung von mir selbst zu erwarten. Jetzt schlafe ich ruhig und weiss, dass ich bei einem durchaus ehrlichen mann übernachte."

Sie ging. – Der Wirt murmelte ihr nach: "Eine ausserordentlich brave Dame!"

Rinaldo verlangte Wein und speisen. Er erhielt, was er forderte. Lodovico war wieder zu sich gekommen und war jetzt in eben dem Grade standhaft und entschlossen geworden, als sein Herr missmutig und niedergeschlagen war. Sie sprachen in ihrer rotwelschen Räubersprache miteinander, wovon die Wache kein Wort verstand, unterhielten sich von ihrem Unglück und Zustand. – Rinaldo eröffnete Lodovico, dass er willens sei, sich zu vergiften. Dieser riet ihm, nicht zu rasch zu Werke zu gehen; er fange jetzt an, auf Hilfe zu hoffen.

RINALDO Auf wessen Hilfe hoffst du?

LODOVICO Das weiss ich selbst nicht, aber ich hoffe dennoch. Der Mut ist mir ganz unvermutet gewachsen, und ich bin völlig überzeugt, dass wir jetzt noch nicht sterben werden. Zum Vergiften habt Ihr noch Zeit. Und es ist im grund ganz einerlei, ob man sich vom Gift die Eingeweide zerreissen lässt oder ob man verbrannt wird. Schmerz ist Schmerz!

RINALDO Wohl wahr!

LODOVICO Dreierlei Dinge ärgern mich abscheulich. Erstens, dass ich den Kapitän nicht durch den Schädel getroffen habe; zweitens, dass uns Packknechte, Maultiertreiber und andere Lumpenkerle überwältigt haben, und drittens, dass uns Nero, wie eine feige Memme, verlassen hat. – Hätten wir alle drei nebeneinander gestanden und hätten den rücken frei gehabt, das Lumpenvolk hätten den kürzeren ziehen sollen, oder ich will ein Hundekopf sein! So sprachen sie die Mitternacht herbei und entschlummerten endlich doch auf ihrem Strohlager. – Ein Gepolter weckte sie. Sie fuhren auf, sahen ein paar Menschen in ihrer kammer, sahen Dolche blinken, und ihre Wache lag röchelnd am Boden.

"Was gibt es?" – fragte Rinaldini.

"Ruhig, Hauptmann! Es gilt Eure Rettung!" – war die Antwort.

"Bist du es, Nero?"

"Ich bin es", antwortete dieser. – "Das Haus ist umzingelt. Ich und ein braver Kamerad sind hereingeschlichen. – Der Tag bricht an. Munter! auf! dass wir Euch in Sicherheit bringen."

Damit machten sie sich über Rinaldos und Lodovicos Strickfesseln her, zerschnitten sie und halfen ihnen auf die Beine.

"Nero!" – sagte Lodovico, – "Ich habe dir Unrecht getan. Ich hielt dich für eine Memme. Ich bitte dir alles ab, braver Kamerad!"

"Aha!" – antwortete Nero, – "das habe ich vermutet. 's hat nichts zu sagen. – Ich machte mich davon, traf auf Luiginos Vorposten-Corps, schickte einen davon zu Luigino und liess ihm melden, was geschehen sei. Die andern acht nahm ich mit mir. Wir stiegen über die Mauer, zum Fenster herein, und da sind wir. Ich wette darauf, Luigino ist nun auch schon da."

"Nero! – Ich belohne dir und deinen Kameraden diesen Dienst gewiss rechtschaffen!"

"Nur fort und mit uns die Treppe hinab! Hier sind Waffen, wenn's etwa Lärm gibt!"

Sie schlichen hinab. Alles blieb still im haus. – Im hof warteten die andern. Sie zogen so viele Pferde und Maultiere aus dem Stalle, als sie habhaft werden konnten, und da gab's Lärm. Im Gastofe wurden die Schlafenden munter; man hörte Alarm rufen.

Jetzt stieg vor dem Gastofe eine Rakete in die Luft.

"Ha! das ist Luiginos Signal!"

Nun waren die Kerle nicht mehr zu halten. sechs Schüsse geschahen aufeinander in die stube, wo alles durcheinander lag, und drinnen gab's ein fürchterliches Geheul.

Auf die Schüsse wurde von aussen das Tor eingebrochen und Luiginos Bande flutete in den Hof. – Da gab's Lärm auf allen Ecken, und die Pferdeställe waren im Nu ausgeleert.

Luigino, als er hörte, Rinaldini sei gerettet, eilte auf ihn zu, umarmte ihn und gab sogleich das Zeichen zum Abzuge. Die Räuber schossen ihre Pistolen noch gegen stube, Stall und Mist ab und jagten mit der Beute davon. – Kaum waren sie hundert Schritte geritten, als sie die Sturmglocken hörten. Sie sahen hinter sich, und der Gastof stand in Flammen.

Ein wildes Jauchzen durchtönte den zügellosen Haufen.

Rinaldo fuhr's durch die Seele. Er verhüllte sein Gesicht und jagte dem Gebirge zu. Wachend, im Traume seiner Verhältnisse, lag Rinaldo auf seinem Lager unter einem Gezelte. Der grösste teil der Bande war auf Streifereien ausgezogen, mit ihr auch Lodovico und Nero. Luigino nahte sich Rinaldo, sah ihn ein wenig an und sagte:

"Hauptmann! Du siehst, dass du nicht für die Menschen ausser unserm Zirkel taugst; die polizierte Welt ist kein Aufentalt mehr für dich; bleib in den unwirtbaren Tälern, in Wäldern und Einöden, gefürchtet und geehrt an der Spitze deiner Kameraden. Überlass dich nicht den Sorgen. Wie es ist, ist dein Los gefallen."

RINALDO Ich fühle die Wahrheit deiner Worte nur allzu lebhaft!

LUIGINO Das ist mir lieb! Ich erneuere hiermit meinen alten Vorschlag. Übernimm das Kommando meiner Leute. Ich will als zweiter Befehlshaber unter dir dienen.

RINALDO