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. Die Sonne ging auf in all ihrer Pracht. Das Schloss des baron lag schon weit hinter den Reitern und war nicht mehr zu sehen. Rinaldo stieg vom Pferde und warf sich unter einen Baum. – Lodovico und Nero taten in einiger Entfernung, was ihr Hauptmann tat. Die Pferde gingen nach Futter.

Rinaldo seufzte tief auf und sprach, wie er zu tun pflegte, wenn sein Herz voll war, mit sich selbst:

"Was andere meiner Faust und meinem Namen verdanken, wird mir zum Fluch. Ich bin gebannt, geächtet; ich werde verfolgt und habe doch so manches Unglück schon verhütet. – Aber Blut habe ich vergossen, auf meinen Namen ist geraubt und geplündert worden. Wehe mir! Wie viele sind gefallen! Wie viele habe ich schon in den Tod getrieben! – Ach! wer hätte mir das prophezeiend an meiner Wiege gesungen? Was riss mich aus meinem stillen Tale, von dem Quell, der mich labte und meine Ziegen in friedlicher Einöde tränkte? Wehe, wehe mir!"

"Spricht der Hauptmann noch immer, wie sonst, mit sich selbst?" fragte Nero. Lodovico bejahte es kopfnickend und winkte ihm, zu schweigen. Rinaldo sprach weiter:

"Soll ich denn nirgends Ruhe finden? Der Schiffer freut sich nach dem Sturme des sichern Hafens und vergisst die Gefahren der Wellen, die ihn umschwebten; mir aber lächelt kein freundlicher Port."

Nach einer langen Pause fragte er: "Nero! wie kamst du nach Sizilien?"

"Als du mich nach Rom schicktest, Hauptmann", – antwortete Nero, – "suchte mich und Nicolo unser Cintio dort auf. Er nahm uns mit nach Kalabrien. Dort bekam ich einst Händel mit einem meiner Kameraden und spaltete ihm den Schädel. Weil Cintio diesen Menschen sehr liebte, wagte ich es nicht, ihm unter die Augen zu kommen, und ging nach Sizilien. Hier hatte ich nichts zu leben und ergriff mein altes Handwerk."

"'Wo hauset Luigino?'"

"In den Gebirgen von Cerone."

"'Haben wir weit dahin?'"

"Gegen Abend können wir dort sein."

"'Führe mich hin.'"

Sie bestiegen die Pferde und trabten davon. In einem schlechten dorf hielten sie Mittag, und ehe die Sonne unterging, waren sie in den Ceronischen Bergen. Sie waren kaum hundert Schritte weit geritten, als sie einen Hornstoss vernahmen, dem bald ein zweiter, dann ein dritter folgten. Dies Signal gaben Luiginos ausgestellte Wachen. – Bald erreichten sie ein Tal. Nero gab das Signal. Einige zwanzig Banditen umringten sie, erhoben ein fürchterliches Freudengeschrei und führten den willkommenen Gast unter einem jauchzenden: "Viva valoroso Rinaldini! valorosissimo Capitano del mondo!" zu Luigino, der aus seinem Gezelte ihm entgegen sprang und Rinaldo vom Pferde hob.

Das Getümmel und die Freude, den berühmten Rinaldini bei sich zu sehen, war unter der Bande sehr gross; und selbst Luigino fühlte sich hochgeehrt, dass der berühmteste Räuberhauptmann seiner Zeit bei ihm, in seinem Gezelt und auf seinem Lager schlief.

Der Morgen brach an, als Luigino, der seinen Gast schon munter sah, sich demselben mit einer Proposition näherte, welche die Frucht seiner nächtlichen Überlegungen war. Sie bestand in nichts Geringerem als in dem Antrage, an seiner Stelle das Kommando über seine Bande zu übernehmen und dieselbe, wie er sich ausdrückte, "durch sich unsterblich zu machen".

"Freund!" – antwortete Rinaldo: – "Ich bin dir herzlich für dein uneigennütziges Anerbieten verbunden, allein ich kann davon keinen Gebrauch machen, weil ich fest entschlossen bin, Sizilien zu verlassen und mich in ein anderes Land zu begeben, wo ich im Stillen das Ende meiner Tage erwarten will."

Umsonst bot Luigino seine ganze Beredsamkeit auf; Rinaldo blieb bei seinem Vorsatz. Er blieb noch diesen Tag bei ihm und reiste den folgenden mit Lodovico und Nero ab.

Gegen Abend erreichten sie den Gastof eines Fleckens, von welchem derselbe mehrere hundert Schritte entfernt an der Landstrasse lag.

Der Wirt kam ihnen am Tore entgegen und sagte, sein Gastof sei so sehr mit Menschen besetzt, dass er dem Herrn Kavalier schwerlich ein anständiges Nachtlager anweisen könne. Noch dazu wären eben ein Herr und eine Dame mit ihren Leuten angekommen, die nicht weitergehen wollten und das letzte Kämmerchen seiner wohnung in Beschlag genommen hätten.

Rinaldo, der keine Lust hatte, weiterzureiten, erklärte, er wolle mit jedem Plätzchen vorliebnehmen, das man ihm anweisen würde, und sprengte in den Hof. Hier stieg er vom Pferde und warf seine Augen auf einen Wagen, der soeben ausgespannt wurde, als er neben demselben mit Auspacken einiger Sachen beschäftigt, – wer schildert sein Erstaunen? – die wohlbekannte Signora Olimpia erblickte. – Noch hatte er sich nicht gefasst, als er an den Wagen, von der anderen Seite her, den verrufenen Kapitän treten sah.

Dieser hatte ihn nicht so bald erblickt, als er, gleich einem Wütenden, eine Pistole aus dem Kutschenschlage zog und damit auf Rinaldo zustürzte, indem er schrie:

"Ha, Bandit! treffe ich dich endlich doch noch?"

Er sprach's, gab Feuer, und seine Kugel streifte Rinaldos linke Achsel. – Olimpia stürzte lautaufschreiend mit der Hälfte des Leibes in den Wagen zurück. – Lodovico sah kaum, was geschah, als er seinen Karabiner anlegte, Feuer gab und dem Kapitän den rechten Arm zerschmetterte.

Dieser