1799_Vulpius_102_63.txt

zu kommen und bei uns, wie ein Freund unter Freunden, zu weilen. Schlägst du uns dies ab, so gehen wir nicht. So tapfer und berühmt du auch bist, so wirst du doch wohl einsehen, dass Gewalt uns nicht von hier vertreiben kann. Zähle uns selbst. Unserer sind achtzig, die das Schwert führen, im schloss. Wir fürchten den Tod nicht, und die Entschlossenheit ist unsere Waffengefährtin. Dreissig unserer Kameraden stehen vor dem schloss; sie sind des Namens unserer Waffengesellen nicht unwert."

"Bist du" – fragte Rinaldo – "der Anführer dieser Tapfern?"

"Der bin ich."

"Dein Name?"

"Luigino."

"Gut dann! Tritt vor und rüste dich zum Kampfe. – Dir wird die Ehre, mit Rinaldini zu fechten. – Besiegst du mich, so handle im schloss nach Willkür; nur empfehle ich dir Menschlichkeit. Liegst du unter, so ziehst du mit deinen Leuten sogleich aus dem schloss ab. Dieses sind des Kampfes Bedingungen."

Luigino sah ihn mit grossen Augen an und sagte:

"Ich fechte nicht mit dir."

"So nenne ich dich im Angesicht deiner Leute einen feigen Beutelschneider!" – schrie Rinaldo.

"Bei Gott, Hauptmann! das bin ich nicht. Und das lasse ich mir auch selbst von dir nicht sagen", – antwortete Luigino und zog den Säbel.

Rasch, wie vom Sturm ergriffen, sprang Laura auf, fiel Rinaldo in den Arm und sprach:

"Du darfst dich nicht schlagen. Für uns dein Leben auf dieses Spiel zu stellen, hast du keinen Beruf. Wir wollen uns mit diesen Leuten abfinden und ihnen geben, was sie brauchen und fordern. Ist es nicht schon genug, dass wir dir unser Leben zu verdanken haben? Sollten wir auch noch unsern Wohltäter bluten sehen?"

"Geh, Luigino!" – sagte Rinaldo – "und erzähle, dass ein Mädchen dich um die Ehre gebracht hat, dich mit Rinaldini zu messen. Ich erkenne dich für einen tapferen Mann."

Luigino warf sein Schwert in die Scheide und sagte:

"Wir ziehen ab."

"Nicht so!" – begann der Baron und holte eine Schatulle herbei.

"Hier, nehmt dieses Reisegeld mit und kauft euch, was ihr braucht."

Rinaldo zog einen Ring vom Finger und sagte:

"Luigino, trag diesen Ring mir zum Andenken."

Luigino nahm den Ring und fragte, fast weich:

"Und du willst uns nicht besuchen?"

"Ich will", antwortete Rinaldo.

Mit frohlockenden Donnerstimmen brüllte die Schar:

"Viva Rinaldini."

"Lasst diesen Mann bei mir", – fuhr Rinaldini fort, – "der in den Apenninen mit mir gefochten hat. Er wird mich zu euch bringen."

Luigino wendete sich gegen ihn, schüttelte ihm die Hand und sagte: "Wackerer Nero! der du unter Rinaldinis Anführung gefochten hast, bleib bei deinem Hauptmann und bringe ihn bald zu uns."

Hierauf nahm er Rinaldos Hand, drückte sie an sein Herz und sagte:

"Diese Augenblicke bleiben mir unvergesslich!"

Dann drehte er sich herum, gab seinen Gesellen einen Wink. Im Sturm flogen diese die Treppe hinab und zum schloss hinaus. Luigino mit ihnen.

Rinaldo gab Lodovico und Nero Winke, sich zu entfernen; eben das tat der Baron gegen seine Leute. Rinaldo blieb mit ihm und Laura allein.

"Ihr habt nun" – begann er, – "das grösste meiner Geheimnisse gehört; eine Menge Menschen haben es mit Euch gehört, der Schleier ist gefallen, dies gibt mir den Scheidebrief von Euch. Der verfolgte, geächtete Räuberhauptmann kann nicht mehr ein Glied Eurer Familie sein, darf nicht mehr der Gegenstand Eurer herzlichen Gastfreundschaft sein. Das verbieten euch Verhältnisse und gesetz. Die Nacht, die so manches verdeckt, verberge auch mich Euern Augen. Lebt wohl! Ich ziehe von dannen."

"Eure Grossmut" – sagte der Baron, – "entlockte Euch Euer Geheimnis und rettete uns vom tod. Diese Nacht wird mir stets unvergesslich bleiben. Ich beklage nichts mehr, als dass ich Euch nun muss scheiden sehen. – Ihr rettetet mir zweimal das Leben, und ich bin Euer doppelter Schuldner. Wie soll, wie kann ich bezahlen?"

RINALDO Ihr könnt es.

BARON So bin ich reicher, als ich glaube. Was ich kann, will ich auch. Ich bezahle.

RINALDO Gewährt mir eine Bitte.

BARON Gewährt. – Wohl mir, dass ich mit Erfüllung einer Bitte bezahlen kann!

RINALDO Gut. – So bitte ich, gebt Laura, Eurer Tochter, den Mann, den sie liebt.

BARON (erschrickt) Was ist das?

RINALDO Ich habe Euer Wort.

BARON (mit bebender stimme) Ihr habt mein Wort, das ich nie gebrochen habe; nehmt sie hin.

RINALDO Ihr irrt Euch. Ich bin nicht der Mann ihres Herzens.

BARON (froh) Wirklich hätte ich geirrt?

RINALDO Gebt Ihr den Mann, den sie liebt. Haltet Wort!

BARON Euer Schuldner zahlt. Ich halte Wort. Sie soll ihn haben.

RINALDO Laura, ich scheide nun beruhigt. Ich weiss Euch glücklich.

Laura fiel ihm um den Hals und dann ihrem Vater zu Füssen. Rinaldo verliess den Saal, schickte den Sekretär hinauf, befahl zu satteln und ritt mit Lodovico und Nero zum schloss hinaus.

Der Tag brach an