1799_Vulpius_102_62.txt

als glänzendes Schauspiel aufführen, in welchem der Einzuweihende alle sieben Grade der Krata Repoa mit der grössten Feierlichkeit durchging. Er sah ihn unter Blitz und Donner die heilige Leiter der sieben Sprossen ersteigen, hörte die Rede des Hierophanten, sah das Tor der Menschen und die schwarze kammer, die Versuchungsszene der schönen Priesterinnen, denen der Einzuweihende widerstand, die Wasserszene und die Schlangenkammer, den Greif und die Säulen. Er sah den Eingeweihten durch das Tor des Todes gehen, sah ihn die Krone ausschlagen, sah ihn im Orkus und hörte, welche Lehren ihm gegeben wurden. Seinen Augen stellte sich die Schlacht der Schatten dar, die Höhle des Feindes und das gemordete Frauenzimmer. Er sah den Kampf mit Orus und Typhon und die grosse Feuerprobe. Er erblickte den Eingeweihten vor Lauf der Gestirne bezeichnete, sah dem Eingeweihten den Trank Oimellas reichen und erblickte das Ende seiner Proben und seine förmliche feierliche Aufnahme in das grosse Heiligtum.

Die Darstellung dieses Schauspiels hatte sehr lange gedauert. Rinaldo wurde wieder mit Trank und speisen bewirtet, und als er diese genossen hatte, sagte der Alte zu ihm:

"Jetzt, mein Freund! gehe auf das Schloss zurück, welches du verlassen hast, wo diese Nacht deine Gegenwart nötig sein wird. Gedenke deines Freundes zu Fronteja und bewege, was du gesehen und gehört hast, wohl in deinem Herzen."

Rinaldo ging in das Schloss zurück und vernichtete durch seine Ankunft alle Ängstlichkeit, die seine Abwesenheit verursacht hatte. Es war gegen Mitternacht, und noch floh der Schlaf Rinaldos Augen, als auf einmal ein schreckliches Getümmel im schloss entstand. Er hörte Schwerter klirren, die Hunde bellten, ein lautes Geschrei ertönte aus dem Schlosshofe herauf, und endlich fielen Schüsse. Rinaldo sprang vom Lager, warf einen Überrock über, steckte seine Pistolen zu sich, ergriff den Säbel und eilte auf den Saal. Hier standen Laura und ihr Vater, blass und zitternd; die Zofen hielten Lichter in den bebenden Händen; von unten herauf wogte das Getümmel des Waffengeklirrs, und Schüsse fielen lauter und schneller.

"Was gibt es?" fragte Rinaldo.

"Das Schloss ist von Räubern überfallen worden!" – stammelte ein verwundeter Diener. – "Wir sind zu schwach zu widerstehen, und einige meiner Kameraden liegen schon tot darnieder gestreckt."

Jetzt stürzte Lodovico mit gezogenem Säbel herbei und schrie: "Lasst uns den Eingang des Saals verteidigen!"

Rinaldo flog an die Saaltür. Die Räuber drängten sich schon frohlockend die breite Marmortreppe herauf.

"Haltet an!" – schrie ihnen Rinaldo mit donnernder stimme entgegen. – "Sagt, wer ihr seid und was ihr wollt?"

"Wer hat uns hier zu gebieten?" fragte einer aus der Schar.

"Ich", – antwortete Rinaldo.

"Aha! über den gebietenden Junker! Gehe er vom platz, oder es kostet sein Leben."

"Haltet an! sage ich euch, und seht zu, mit wem ihr es zu tun habt."

"Zurück! und kein Wort weiter verloren."

"Haltet an! und lasst mit meinem Namen euch nicht zu Boden schmettern."

Die Räuber lachten laut auf. Einer antwortete: "Männer, die eure Schwerter nicht fürchten, verlachen eure Namen."

"Den meinigen gewiss nicht."

Sie lachten wieder und schrien: "Vorwärts!"

Rinaldo rief ihnen mit erschütternder Kommandostimme zu: "Haltet an! das gebietet euch Rinaldini."

Die Schar stand betroffen. Endlich sagte einer:

"Bursche! entweihe diesen berühmten Namen nicht. Ich diente unter Rinaldini und kenne ihn."

"Wenn du ihn kennst, so tritt näher und gebiete deinen Kameraden einzuhalten."

Rinaldo trat von der Tür in die Mitte des Saals zurück und nahm einer Zofe das Licht aus der Hand. – Lodovico flog auf seinen Wink auf die andere Zofe zu, nahm ihr das Licht und zündete die Kerzen der Wandleuchter des Saals an.

Die Szene wurde hell. – Rinaldo blieb in seiner Stellung. Der Baron und Laura erwarteten zitternd, was geschehen würde.

Der eine, der sich vermass, Rinaldini zu kennen, bat seine Kameraden, jetzt ruhig zu sein. Diese drängten sich zur Tür. Er ging mit ungewissen Schritten auf Rinaldo zu, blieb stehen, sah ihn fest an, legte seinen Säbel nieder und sprach:

"grosser Hauptmann! Ich beuge meine Knie. Du bist es. Du bist Rinaldini, mein berühmter Hauptmann."

Alsobald jauchzte laut auf die ganze Schar:

"Viva Rinaldini!"

"Ich kann" – sagte Rinaldo, – "euern Freudengruss nicht eher erwidern oder annehmen, als bis ich euch folgsam finde."

"Fordere!" – schrien alle, – "Fordere, berühmter Hauptmann! Was wir dir zu geben schuldig sind, wirst du empfangen."

"Nun dann", – begann Rinaldo, – "so fordere ich von euch, dass ihr dieses Schloss sogleich verlasst."

Nach dieser Forderung wurde es still. Endlich begann ein Gemurmel und zuletzt trat einer aus der Schar hervor und sprach: "Wir haben kein Geld und haben Mangel an Lebensmitteln. Deshalb haben wir das Wagestück unternommen, das uns geglückt ist. Du weisst, berühmter Hauptmann, wozu die Not treiben kann. Aber um dir zu zeigen, wie gross die Hochachtung ist, die wir für berühmte Männer deinesgleichen haben, so wollen wir dieses Schloss verlassen, wenn du uns versprichst, zu uns