grössten Erstaunen Lauren und Lodovico leibhaftig vor sich. Die Bewegungen ihrer hände und ihre Gesichtszüge zeigten an, dass sie sich über etwas Angelegenes miteinander unterhielten.
"Ich höre sie sprechen", sagte der Alte.
"Sprechen?" fragte Rinaldo.
"Du kannst sie nicht hören. Ich höre sie aber mit dem Ohre der Seele, welches mir die Approximation ihrer Rede verschafft", antwortete der Alte.
"Was sprechen sie?"
"Die Dame ist ängstlich über dein Verschwinden. Dein Diener meint, du möchtest bloss eine Exkursion gemacht haben. Sie will sich bei dieser Erklärung nicht beruhigen."
Rinaldo schwieg einige Augenblicke. Der Alte störte ihn nicht in seinem Nachdenken. – Als Rinaldo seine Augen wieder auf den Spiegel warf, sah er in demselben Lauren auf ihrem Zimmer und den Sekretär in ihren Armen. Er wendete sein Gesicht von dieser Szene und sagte:
"Freund, du bist ein grosser Mann!"
"Auch du kannst werden, was ich bin", – sagte der Alte. – "Ich bin nicht der einzige dieser Art in der Welt."
Mit einem tiefen Seufzer fragte Rinaldo: "Kennst du mich?"
"Warum sollte ich dich nicht kennen?" antwortete der Alte und zeigte auf den Spiegel.
Rinaldo sah hinein und erblickte sich in der Räubertracht, in den Apenninen vor Donatos Klause. – Er fuhr heftig zusammen und fragte:
"Kennst du auch diesen Donato?"
"Warum nicht?" – fragte der Alte und zeigte wieder auf den Spiegel.
Dort stand Donato und arbeitete in seinem Gärtchen.
"Ich will dir noch einige Personen zeigen", – fuhr der Alte fort, – "die du auch kennst. Sieh in den Spiegel, sie sollen vorüber gehen."
Rinaldo sah in den Spiegel und erblickte den Prinz della Roccella, den Vater der sanften Aurelia. Er ging in einem buch lesend im Zimmer auf und ab. – Die Szene verwandelte sich im Spiegel, und Rinaldo sah das Innere einer Klosterzelle, in welcher Aurelia schlafend auf ihrem Bette lag. – Er seufzte und schlug seine Augen nieder. Als er sie wieder erhob, sah er die Gräfin Martagno. Sie sass in ihrer Gartenlaube und weinte. – Rinaldo seufzte stärker. – Die Spiegelszene verwandelte sich. In einer wüsten Gegend wandelte eine Pilgerin. Es war Rosalie.
"Lebt sie noch?" schrie Rinaldo.
"Sie lebt", war des Alten Antwort.
"Werde ich sie wieder sprechen?"
Der Alte dachte nach und sagte:
"Heute kann ich dir darauf noch nicht mit Gewissheit antworten."
Rinaldo schwieg. – Der Alte fragte:
"Willst du mehrere deiner Bekannten sehen?"
"Nein!" antwortete Rinaldo.
Ein blauseidener Vorhang rollte herab und bedeckte den Spiegel.
Rinaldo wiederholte:
"Freund, du bist ein grosser Mann!"
Der Alte lächelte und sagte:
"Bloss Kunst der Magie. Auf dieser beruht mein Stolz nicht."
Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:
"Du sollst sehen, wie tief ich in die Nacht der Mysterien eindrang. Ich will dir alle Grade der berühmten Krata Repoa zeigen, die Ägyptens Heiligtum verhüllte. Ich habe sie entschleiert. Meine Jünger und Jüngerinnen sollen das Schauspiel aufführen, das ich dir geben will. Es dient zur Unterhaltung und zum Nachdenken." Als er das gesagt hatte, stand er auf, nahm Rinaldo bei der Hand und führte ihn in einen schönen Saal, dessen Wände mit Symbolen der Götter aller Nationen bemalt waren. Verschiedene allegorische Statuen standen an den Seiten der Fenster. Der Saal hatte eine Galerie und ein schönes Deckenstück, welches Ödips Lösung des Sphinginischen Rätsels darstellte.
In einem Seitenzimmer ertönte eine sanfte Musik, begleitet von weiblichen Stimmen. – Der Alte ging mit Rinaldo schweigend im saal auf und ab. – Als die Musik schwieg, sagte der Alte:
"Der Mensch besteht aus Körper und Seele. Beide wollen vergnügt und ergötzt sein. Ich gönne jedem auf erlaubte Art, was er verlangt. Harmonie ist die Kette aller Wesen, der gang des Universums. Du wirst wissen, was man von der Sphärenmusik geschrieben hat? – Ich liebe Musik und Gesang. Beides liegt in uns. Wir geben und nehmen, wir schenken und empfangen es gern. Die höchsten Freudenausdrücke sind eine gar angenehme Musik für das Ohr des Kenners. Das Leiden hat auch seine Töne für akkordmässig gestimmte Herzen."
Als er das sagte, wurde eine Tafel in den Saal getragen, die mit mancherlei speisen und Getränken besetzt war. – Der Alte nötigte Rinaldo, etwas zu sich zu nehmen. Er selbst ass nur einige dünne Scheiben weisses Brot, ein paar Löffel Honig, eine Ananas, und trank Milch.
Als die Tafel wieder abgetragen wurde, nahm der sogenannte Teosoph seinen Gast bei der Hand und führte ihn in einen zweiten Saal, an dessen schwarz marmornen Gesimsen mit goldenen Buchstaben die Inschrift prangte:
ΚΡΑΤΑ ΡΕΠΟΑ.
"Hier sollst du", – sagte er, – "das dir versprochene Schauspiel der Krata Repoa sehen!" – und liess sich auf ein Polsterlager nieder. – Rinaldo folgte seinem Beispiel.
Sechstes Buch
Man sucht die Ruh, sie nie zu finden,
Man findet sie, geniesst sie nicht;
Der Hoffnung hellste Sterne schwinden,
Die Dämm'rung wird dann Sternenlicht.
Rinaldo empfing von dem Alten einen kleinen Vorbericht über die Geheimnisse der Ägyptischen Mysterien und sah dann ein ebenso merkwürdiges