1799_Vulpius_102_60.txt

Harmonie, in der Zahl 4. Diese ist auch das Symbol der Richtigkeit der Dinge, als: des matematischen Punkts, der Linie, des Plans und der Tiefe. Diese Hieroglyphe drückt die ganze natur aus, nämlich: die Wesenheit, die Beschaffenheit, die Vielheit und die Bewegung der Dinge."

Rinaldo sah den Belehrenden mit grossen Augen an und wollte eben nach dem ihm bekannten Alten fragen, als dieser selbst in eben der Tracht, wie er ihn gestern gesehen hatte, erschien, ihn freundlich grüsste, ihm die Hand schüttelte und sagte:

"Wohl, mein Sohn! Das heisst Wort gehalten."

Er führte ihn hierauf mit sich fort durch blühende Fluren und sagte:

"Dieses ist das Tal, welches ich bewohne. Es hat noch immer seinen ältesten Namen, und man nennt mich davon in der Gegend: den Alten von Fronteja. Diese Benennung ist auch mir so geläufig geworden, dass ich mich nun oft selbst so nenne."

Wie diese Erklärung Rinaldo traf, kann man sich leicht denken, wenn man sich an Olimpiens Brief und an die Nachricht erinnert, welche ihm der Marchese Romano von dem mann gab, mit welchem er so unvermutet bekannt geworden und jetzt im Gespräch begriffen war. – In diesem Augenblick standen Olimpia, der Marchese und der Kapitän vor seinen Augen. Er wusste nicht, ob er weiter mit dem Alten gehen, oder ob er wieder zurückeilen sollte. Er fürchtete die genannten Personen wirklich anzutreffen, sah sich verraten und erblickte in dem Weisen einen Verräter. – Er wankte, folgte aber dennoch seinem Führer.

Sie waren eben an einen kleinen Altar gekommen, als der Alte zwei Rosen von einem Strauche brach, dieselben auf den Altar legte, seine Augen gegen Himmel, und laut seine stimme erhob:

"Ewiges Wesen! Ein Opfer der Freundschaft!" – Er wendete sich zu Rinaldo und sagte: "Fremdling! hier bist du sicher."

"Was könnte ich fürchten?" – fragte Rinaldo mit etwas trotziger stimme.

"Die Menschen", antwortete der Alte gelassen und ging unbefangen weiter fort.

"Menschen gibt es allentalben", – sagte Rinaldo; "und ich habe nichts zu fürchten, als was sie alle zu fürchten haben."

"Bei uns bist du, wie du gehört hast, unter Freunden", fiel der Alte ein.

Rinaldo ging, ohne ein Wort zu sprechen, weiter mit seinem Führer fort, und dieser zeigte ihm seine wohnung, die in einem sehr edlen und antiken Stile erbaut war. – Auf den Bergen standen Klausen, in welchen, wie der Alte sagte, Jünger von ihm wohnten, die sich besonderen Betrachtungen und Untersuchungen widmeten.

"Ist die Anzahl deiner Jünger gross?" – fragte Rinaldo.

"Dreimal sieben sind ihrer", – war des Alten Antwort.

Sie kamen in die bezeichnete wohnung. Unter der Mittelhalle derselben bewirtete der Alte seinen Gast mit einem guten Frühstück. Er selbst ass nur einige Löffel Honig und etliche Stückchen dünn geschnittenes weisses Brot. Wein trank er nicht, aber Milch.

"Lebst du lange hier?" – fragte Rinaldo.

"Nicht lange", antwortete der Alte. – "Doch länger als ein Menschenalter."

Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an und fragte endlich: "Du hast das gewöhnliche Menschenalter schon überschritten?"

"Zweimal", – war seine Antwort.

Rinaldo sah ihn noch misstrauischer an. Jener aber blieb ganz unbefangen, und als Rinaldo eben weiter fragen wollte, vernahm er weibliche, singende Stimmen und sah ein paar verschleierte Frauenzimmer Hand in Hand vorübergehen.

"Wer sind diese?" fragte er.

"Es sind ein paar meiner Schülerinnen", war des Alten Antwort.

"Also leben auch Weiber hier?"

"Jüngerinnen der Weisheit. Priesterinnen im Tempel der natur und Wahrheit."

Rinaldo schwieg. Der Alte ersuchte ihn, ihm zu folgen. – Er kam in ein einfaches Zimmer und fand hier ein Polsterlager, auf welches sich der Alte niedersetzte, dessen Beispiel er folgte. Der Alte nahm, als er sass, das Wort und sagte: "Von den ersten zeiten meiner Jugendjahre an war ich ein Freund und ernstlicher Nachforscher aller Mysterien, und bis jetzt, muss ich sagen, ist es mir gelungen, die Mysterien aller zeiten und Völker zu entüllen."

Rinaldo sah ihn aufmerksam an. Der Alte fuhr fort: "Ich studierte die emblematische Mytologie der Griechen und Ägypter, die Teogonie, Kosmogonie und die religiösen Lehren der ältesten Völker. Ich studierte in dem Shestah der Gentuser, im Zenda Vesta der Parsen, in der Edda der Isländer, im Chou-king und Lyking der Chinesen. Ich entüllte die Wege der Kakosophia und Kakodämonia, studierte die Antrosophia und wurde endlich, was ich noch bin, ein wahrer Teosoph. Dieses Namens bediene ich mich auch gewöhnlich. – Du kannst denken, dass Zeit dazu gehörte, alles dies zu leisten. Diese aber hat mir der Himmel gewährt."

Hier machte der Teosoph eine Pause und sagte: "Freund, warum bist du aus dem schloss gegangen, ohne etwas davon zu sagen? Man ist dort unruhig über deinen Weggang."

"Wer?" fragte Rinaldo rasch.

Der Alte zeigte, ohne ein Wort zu sprechen, auf einen grossen, breiten Spiegel, der in dem Zimmer hing und aus einer glänzenden Metallplatte bestand. Rinaldo sah in den Spiegel und sah in demselben zu seinem