1799_Vulpius_102_59.txt

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ALTER Du bist gebeten.

RINALDO Wie werde ich deine wohnung finden?

ALTER Du gehst dem Flusse nach. Dort im Gebirge wandeln meine Schüler beständig umher, vertieft in das Studium der natur. Sie werden dir meine wohnung zeigen. – Noch eins. Öffne den Kopf dieser Schlange. In ihrem Gehirne wirst du einen kleinen, grünlichen Stein finden. Nimm ihn zu dir. Er schützt gegen Vergiftungen. – Gott sei mit dir! Der Alte ging. Rinaldo sah ihm nach, bis die Berge ihn seinen Blicken entzogen. – Er suchte und fand den bezeichneten Stein im Gehirn der Schlange und ging nachdenkend ins Schloss zurück. Man schien zu bemerken, dass Rinaldo jetzt noch nachdenkender als gewöhnlich sei. – Laura bat ihn, nach der Abendtafel ihr einige Augenblicke auf ihrem Zimmer zu schenken. Das geschah, sobald der Baron zur Ruhe war.

Sie war allein und schien verlegen zu sein. Rinaldo wollte das nicht bemerken. Das fiel ihr auf.

SIE Ritter! Ihr seid seit einigen Tagen auffallend nachdenklich und zerstreut, und heute mehr als jemals. Ihr bemerkt jetzt nicht einmal, dass ich verlegen bin. Kennte ich den Grund Eurer Zerstreuung, so könnte ich vielleicht jetzt noch verlegener sein, als ich es schon wirklich bin. – Indessen, es sei gewagt! Ich bin ohne Furcht mit Euch allein und habe Euch etwas zu entdecken. – Vorher nehme ich Eure Grossmut in Anspruch und bitte Euch, mir meine Entdeckung zu verzeihen, und wenn sie auch sogar Euer Herz treffen sollte. – Ihr verzeiht mir diesen Ausdruck! Ich kann mich irren; aber Euer Benehmen seit einigen Tagen lässt mich vielleicht mit Entschuldigung Eure Hoffnung fürchten.

ER Wenn Ihr mich Eures Vertrauens würdig glaubt, so entdeckt Euch mir.

SIE Ich wage es.

ER Ihr wagt nichts.

SIE Wir wollen's hören. – – Ich liebe.

ER Ist das Euer Geheimnis? – Konntet oder musstet Ihr es nicht für Euch behalten?

SIE Ich suche einen Vertrauten, der mein Geheimnis bei sich aufnimmt und es gleich dem seinigen wohl aufbewahrt.

ER Es ist verwahrt.

SIE Hört mich weiter an. – Mein Vater hat Absichten, meine Hand zu vergeben, das weiss ich gewiss. An wen, das weiss ich nicht. Aber sei er auch, wer er wolle, den mir mein Vater zum Gemahl bestimmt, ich werde ihn nicht lieben können.

ER Das könnt Ihr ja nicht wissen!

SIE Ich weiss es gewiss. Denn den, den ich liebe, wird er mir nicht geben.

ER Das ist die Frage.

SIE Nein! das ist Gewissheit. – Der, den ich liebe, ist unter meinem stand. Er ist kein Edelmann.

ER Denkt er edel und verdient die Liebe eines edlen Herzens, so ist er zweifach zum Ritter geschlagen. – Darf ich wissen, wer er ist?

SIE O ja! Ich fürchte mich nicht, ihn Euch zu nennen. Es ist meines Vaters Sekretär.

ER Soviel ich ihn kenne, scheint er ein braver Mann zu sein. Ich kann Eure Liebe nicht missbilligen.

SIE Nicht? Wirklich nicht? Auch dann nicht, wenn

ER Ich verstehe Euch! – Auch dann nicht, wenn ich der selbst sein sollte, dem Euer Vater Eure Hand zugedacht hat.

Die Seitentür sprang auf, der Sekretär trat in das Zimmer, ergriff Rinaldos Hand, drückte sie an sein Herz und wollte sprechen, als ihn dieser Lauren sanft in die arme schob und schnell das Zimmer verliess. Rinaldo schlief diese Nacht wenig und verliess mit Tagesanbruch das Schloss, die wohnung des geheimnisvollen Alten aufzusuchen. – Er ging an dem Flusse hinab, kam in ein schmales Tal, das, zwischen Bergen hin, auf eine Ebene führte, die im breiten Kreise mit steilen Anhöhen umkränzt war. – Vor ihm lag ein Olivenwäldchen, durch welches ein gebahnter Weg gerade auf drei Marmorsäulen zuführte, die mit Hieroglyphen geziert waren. Hinter den Säulen stand ein Altar mit einem schönen Basrelief. Daran stand die Schrift:

ΛΙΚΑΣΑΡΑΒΤΑΛΑΜ.

Rinaldo war noch in das Anschauen dieser Schrift und der Figuren vertieft, als er einen auf griechische Art weissgekleideten, langen, hagern Mann auf sich zukommen sah, der einen Olivenkranz in den Haaren und ein hermetisches Schlangenstäbchen in der Hand trug. Dieser grüsste ihn.

"Sei willkommen, ehrenwerter Fremdling, der du gestern mit unserm erhabenen, vielgeliebten Meister sprachst."

Rinaldo dankte ihm schweigend. Jener aber redete also fort:

"Du betrachtest diese Figuren und diese Schrift so aufmerksam, dass ich deine Wissbegierde in deinen Blicken lese. – Was diese Worte Λικα Σαραβταλαμ betrifft, so geben sie den Namen Weltenschöpfer, eben das, was das Viracocha der Peruaner bezeichnete. Die Figur aber, die du hier siehst, ist das Brustbild eines Greises, des Schöpfers der Welten, des Ewigen, des Allerschaffers, die Einheit. Die drei Flammen, welche sein Haupt umgeben, sind die symbolische Zahl der Vollkommenheit. Seine arme, die ausgestreckt Welt und Sonne in den Händen halten, sind das symbolische Zeichen der ersten Zahl, die aus der Einheit entsteht; die Zahl der Schöpfung, das Symbol der Produktion. Welt und Sonne vereiniget eine Kette. Der Körper ist das Symbol der Harmonie; die himmlische Lyra. Er ruht auf sieben Büchern, die die sieben Bücher der Geheimnisse der natur und mit sieben Siegeln verschlossen sind. Die vier saiten des Instruments sind das Symbol des Tetracordon, die Übereinstimmung der