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Schlösser und Festen."

"Ich kann nicht glauben", – sagte Rinaldo, "dass er sich in Sizilien befindet. Wäre dem so, so hätte man gewiss schon von ihm gehört, denn er soll nicht gern lange stillsitzen."

"natürlich!" – fiel der Baron ein, – "denn er lebt ja von Unruhe und Unglück."

RINALDO Jawohl! Von und mit Unruhe und Unglück.

BARON Der Vizekönig will in Messina die Milizen aufbieten und einen Preis auf den Kopf des Gaunerkönigs setzen.

RINALDO Ich darf auf den Preis nicht rechnen. Denn als ich einst in Rinaldinis Händen war und er mich sehr edel behandelte, musste ich ihm versprechen, nie heimtückisch gegen ihn zu handeln. Und im offenen feld mag ich nicht gegen ihn stehen.

BARON In der Tat! ich fürchte für die Börsen unserer Barone und für die meinige dazu. – Ich bin alt und stumpf. zwölf Leute im schloss, was sind die gegen einen Wagehals wie Rinaldini an der Spitze seiner tollkühnen Gesellen! – Ritter! Ihr müsst mir es zur Freundschaft tun und noch einige Zeit bei uns bleiben. Ihr seid ein Mann von Mut und Entschlossenheit. Euer Lodovico ist ein Teufelskerl. Ja wahrhaftig! wär er nicht Euer Diener, ich könnte wohl gar glauben, er sei selbst ein Rinaldinischer Buschkönig.

RINALDO Verwegen genug sieht er dazu aus! Ich glaube aber nicht, dass wir etwas von ihm zu fürchten haben.

Indem trat der Haushofmeister des baron, der in Geschäften in dem benachbarten Städtchen gewesen war, in das Zimmer, stattete von seinen besorgten Aufträgen Relation ab und meldete zugleich, dass mehrere Reisende von Strassenräubern in der Nähe angefallen und geplündert worden wären.

"Da haben wir's!" – sagte der Baron. – "Das Ungewitter kommt uns immer näher."

Der Haushofmeister verliess das Zimmer wieder, und der Baron sprach noch ein langes und breites von seinen Besorgnissen. Rinaldo suchte ihm vergebens seine Furcht auszureden, und Laura, die befürchtete, er möchte wirklich mit Manier auf seiner Abreise bestehen, nahm das Wort und sagte:

"Da es eine der ersten Ritterpflichten ist, Damen zu beschützen und zu verteidigen, so ersuche ich Euch, Ritter, die Eurigen nicht zu vergessen und wenigstens zu meinem Schutze hierzubleiben."

RINALDO Ihr wisst doch aber, dass der Schutz der galantesten Ritter auch immer ein wenig eigennützig war?

BARON Recht gut, Ritter, dass Ihr sie daran erinnert. Sie möchte sonst vielleicht den Schutz umsonst verlangen.

LAURA Ich weiss nicht wie und womit ein solcher Schutz bezahlt wird.

RINALDO Das Schutzgeld steht in eigener Willkür. Aber bezahlt muss nun einmal werden.

LAURA So mag mein Vater für mich bezahlen.

BARON Das wird nicht geschehen. Ich bin ohnehin noch Schuldner und habe für mich selbst zu bezahlen.

LAURA Nun wohlan! so will ich als eine wahre romantische Ritter-Dame bezahlen. Nehmt diese Schleifen, Ritter, sie sind meine Farbe. Tragt sie, fühlt Euch zu grossen Taten entflammt und macht Euch dieses Geschenkes wert. Werdet Ihr Euch immer männlich, wie es einem Ritter ziemt, benehmen, so sollt Ihr dann vielleicht von mir erhalten, was ich neben dieser Schleife trage.

BARON Wie? Das wär' ja dein Herz?

LAURA Nein, lieber Vater! Es ist mein Portrait.

Jetzt fing Rinaldo an, mit sich selbst und seinen Absichten in Streit zu geraten.

"Wozu kann es gut sein" – sprach er bei sich selbst –, "länger auf dem schloss zu bleiben? Welchen Nutzen kann es dir bringen? Ziehe ihn selbst zu, den Knoten, der dich mit einem Netz umstrickt, in welches du schon gegangen bist. Wie kannst du dich mit falschen Hoffnungen täuschen? Laurens Hand kannst du nie erhalten. – Und gesetzt, du hättest sie auch als Ritter erschlichen, wird sie dir der Räuberhauptmann nicht wieder entreissen?"

So sprach er, warf sich am Ufer des Flusses, der sich durch blumige Wiesen nach den Gebirgstälern zu schlängelte, unter duftenden Aloen nieder, wollte nachdenken über sich und seine Lage, wollte einen Entschluss fassen, vermochte beides nicht und sank, von starken, balsamischen Gerüchen betäubt, in Schlummer.

Als er wieder erwachte, sah er einige Schritte von sich unter einer Pinie einen sonderbar gekleideten Mann, in einem buch lesend, auf einem Steine sitzen. Dieses Mannes blühend rote Gesichtsfarbe widersprach seinem weissen Haupt- und Bartaar, die ihn als Greis ankündigten. Sein Gewand war lang und faltig, wie das Gewand der Pytagoräer, von himmelblauer Farbe, hochgeschürzt, mit einem feuerroten Gürtel. Seine arme waren in weisse Ärmel eines Unterkleides gekleidet, seine Füsse nackt, mit roten Riemen umwunden. Er ging auf breiten Sohlen.

Dieser sonderbar gekleidete Mann zog Rinaldos äusserste Aufmerksamkeit an sich. Er betrachtete ihn lange schweigend, stand endlich auf, näherte sich und grüsste ihn.

Der muntere Alte sah ihn an und sagte:

"Wie kannst du so unvorsichtig sein, in dieser Gegend, wo es von giftigen Tieren wimmelt, dich so sorglos dem Schlafe zu überlassen?"

"Sollte wirklich hier etwas zu fürchten sein?" fragte Rinaldo.

"Sieh dich um", – antwortete der Alte gelassen.

Rinaldo sah sich um und erblickte eine tote Schlange im Grase, nicht weit von seinem Schlafplatze. Er erschrak und sah den Alten fragend an. Dieser verstand seinen fragenden blick und sagte:

"Diese Schlange nahte sich dir