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keine der unsrigen!" – sagte Lodovico.

Rinaldo sprengte an die Kutsche und erblickte in derselbenden Baron Denongo und seine uns bekannte Tochter, die schöne Laura.

"Ritter! – Gelobt sei Gott!" – schrie diese, als sie ihn erblickte.

Der Baron stammelte: "Mein Herr! Ich bin Euch die grösste Verbindlichkeit schuldig. Ohne Eure mutige Entschlossenheit wären wir beraubt und vielleicht den traurigsten Misshandlungen ausgesetzt gewesen."

"Ein Mann von Ehre wie Ihr", – sagte Rinaldo, – "würde in einem ähnlichen Falle gewiss eben das für mich getan haben, was ich für Euch tat. Ich werde nur ferner meine Schuldigkeit tun, wenn ich mich erbiete, Euch nebst meinem Diener zu begleiten, da ich sehe, dass Eure Leute teils tot, teils verwundet sind."

"In der Tat, Herr Ritter!" – fuhr der Baron fort. – "Ihr kommt meiner Bitte durch Eure Grossmut und Euer gütiges Anerbieten zuvor. Ich habe noch beinahe sechs Stunden weit zu fahren, ehe ich mein Schloss erreiche, und bin, wie Ihr selbst bemerkt, des Beistandes meiner Leute beraubt. Ein alter Mann, wie ich, überlässt sich gern dem Schutze eines jüngeren Mannes von Ehre, wie Ihr einer seid, und ich darf wohl sagen, ich habe es auch einigermassen verdient, denn in meiner Jugend war ich eben ein solcher freudiger Ritter für andere, wie Ihr einer seid."

Es fielen noch mehrere Worte von beiden Seiten, und Laura schwieg.

Lodovico hatte indes den verwundeten Kutscher, so gut es gehen wollte, verbunden und auf den Kutschersitz geschnallt. Sein Maultier hängte er an den Wagen, setzte sich auf und fuhr fort. Rinaldo ritt neben dem Wagen her. Es wurde scharf darauflos gejagt. Sie kamen bei dem schloss des baron an.

"Jetzt, Herr Ritter!" – sagte der Baron, – "Es ist an mir, galant nicht allein zu sein, sondern als Euer Schuldner Euch, den Retter meines Lebens, zu bitten, mir das Vergnügen zu machen, so gut es gehen will, Euch von mir bewirten zu lassen."

"Ihr schlagt uns doch das nicht ab?" – setzte Laura hinzu.

Rinaldo sprang vom Pferde und blieb. – Lodovico kam das ganz gelegen.

"Herr Ritter!" – sagte er, – "Wir kommen wieder in weiche hände. Nun ist's gut! Wir bleiben."

RINALDO Ach nein! –

LODOVICO Hm! – Ich kenne Euch besser. Ein Paar schwarze Augen, wie die des Fräuleins, lassen Euch nicht vom platz. Ich kann Euch auch gar nicht darum verdenken. Ich an Eurer Stelle machte es ebenso.

RINALDO Diesmal wirst du dich sicher betrügen.

LODOVICO Geschieht das, so betrügt Ihr Euch zuerst.

RINALDO Oder ich werde betrogen.

LODOVICO Das kann auch sein, denn Ihr habt's mit einem weib zu tun.

RINALDO So? – Du meinst also

LODOVICO Dass ich keiner traue, und säh' sie noch so ehrlich aus.

RINALDO Woher hast du diese Philosophie?

LODOVICO Aus der Welt, auf der ich wohne, wo ich lebe und webe, höre und sehe, empfinde, denke und mancherlei schon erlebt habe.

Lächelnd befahl ihm Rinaldo, das Gepäck auf die Zimmer zu schaffen, die der Hausverwalter ihnen anwies.

Rinaldos Wirt, der alte Baron, war ein gar guter, froher Mann, schon hoch in den Jahren, mit mancherlei körperlichen Leiden geplagt, aber dennoch nicht mürrisch. Er war freigebig, gesprächig und gutwillig. Lodovicos Bravour zu belohnen, fand er leicht Mittel. Er schenkte ihm eine Börse mit Dukaten. Aber wie er seinen Gast, den er nur als Ritter de la Cintra kannte, belohnen sollte, ohne seine Delikatesse zu beleidigen, das verursachte ihm viel Kopfzerbrechen. Er ging darüber mit seiner Tochter zu Rate, die aber ebensowenig als er selbst wusste, wie die Schuld abzutragen sein möchte.

Rinaldo lebte nicht so unbefangen bei dem Baron, wie er auf dem schloss der Gräfin gelebt hatte. Er stellte Betrachtungen über seine Lage an und fand in diesen Reflexionen mancherlei Veranlassungen, seinen Aufentalt abzukürzen. Er gab dies einst dem fräulein deutlich zu verstehen. Sie fasste es auf und sagte:

"Wir glaubten alle in Messina, Ihr hättet nach jenem blutigen Vorfall die Insel verlassen; wie ich aber sehe, scheint es, dass Euch etwas auf derselben zurückhält, was Euch vielleicht auch den Aufentalt bei uns langweilig und unerträglich macht. Oder zieht Euch ein Magnet anderswohin?"

ER Nennt Ihr mein unglückliches Schicksal einen Magnet?

SIE Euer unglückliches Schicksal? Das kenne ich nicht.

ER Lasst es mich allein kennen. Es treibt mich auch von hier fort. Ja, es würde mich aus dem Paradiese selbst treiben.

SIE Habt Ihr Euch mit der Gräfin Martagno entzweit?

Da trat der Baron mit einem Briefe in der Hand ins Zimmer und sagte:

"Hört einmal! Da wird mir eine sonderbare Neuigkeit aus Messina geschrieben. Man will dort ganz gewiss wissen, der berüchtigte Rinaldini sei nicht tot, sondern befinde sich lebendig auf unserer Insel. – Es kann wohl sein, dass die Gauner, aus deren Händen uns der tapfere Ritter errettete, Leute von seiner Bande waren. – Es wär' verzweifelt schlimm, wenn dieser ungebetene Gast in unsern Tälern hausen sollte. Ich werde alle meine Leute bewaffnen; denn er überfällt zuweilen sogar