und bot sich ihr als Schwester an.
Im schloss wurde es nun lebhafter und der neugierige Castellan bekam die Weisung, nach gewissen Erklärungen nicht weiter zu fragen. Violanta galt für eine Gesellschafterin der Gräfin, und die wenigsten wussten und konnten begreifen, wie sie in das Schloss gekommen war. An einem der schönsten Sommerabende, die Sizilien geniesst, sassen die Gräfin und Rinaldo auf einem Balkon des Schlosses Hand in Hand nebeneinander. Beide schienen über etwas nachzudenken und sprachen wenig. Endlich nahm die Gräfin das Wort:
SIE Einmal, lieber Freund! muss es zwischen uns doch zur Erklärung kommen. Warum schieben wir diesen Augenblick auf und machen uns selbst so viele trübe Stunden? Also, sei es jetzt. – Sagt mir aufrichtig, was gedenkt Ihr zu tun?
ER Was ich tun muss. – Ich gedenke Sizilien zu verlassen.
SIE Allein?
ER Wer sollte mit mir gehen, als mein Lodovico? – Er verlässt mich nicht.
SIE Nur er? – Ritter? Ihr wollt allein gehen?
ER Ach Gräfin! ich muss.
SIE Ihr müsst? – Habt Ihr anderswo Verhältnisse, die Euch –
ER Schreckliche Verhältnisse!
SIE Habt Ihr – eine Gattin?
ER Weder Weib noch Kind, weder Vater noch Vaterland.
SIE Und dennoch binden Euch Verhältnisse? Man hat doch nicht Euch irgendwo verbannt, geächtet?
ER Allentalben.
SIE Allentalben? – Wie ist das möglich? Redet deutlich. Ist la Cintra nicht Euer wahrer Name?
ER Nein.
SIE Wie heisst Ihr?
ER Das lasst mich Euch nicht sagen. – Wenn ich fort bin, sollt Ihr erfahren, wen Ihr Eurer Freundschaft, Eurer Liebe gewürdigt habt.
SIE Ihr macht mir bange! – Der Marchese Romano gab vor, Euch zu kennen.
ER Ja! er kennt mich. – Gräfin! traut dem Marchese und seiner Gesellschaft nicht. Sie wollten mit mir ein böses Spiel treiben. Jetzt sehe ich alles ein. Ich bin entkommen, auch diesmal noch entkommen, aber wer weiss –
SIE Rätselhafter Mann! sprich deutlicher.
ER O Dianora! – Ich darf nicht.
SIE Wie? Ich gab dir meine Liebe, mich selbst, alles was mir teuer und wert war, und du kannst Geheimnisse für mich haben? Für mich? – Ich will dir mehr entdecken, als du weisst. Ich bin bereit, mit dir zu gehen, wohin du auch gehen magst.
ER Bleib, bleib! Du kannst mich Unglücklichen nicht begleiten.
SIE Ich biete dir meine Hand an.
ER Unglückliche! Deine Hand gehört einem edleren mann als mir.
SIE Sie gehört dem Vater meines Kindes.
ER Allmächtiger Gott! was sagst du? – Werde Mutter und gib dem kind deinen Namen. Den meinigen kann es nicht mit Ehre führen.
SIE grosser Gott! Mann, wer bist du?
ER Ich bin – Ach Gott! ich kann es dir nicht sagen.
SIE Sei wer du willst. – Ich will es wissen.
ER Als du in meinen Armen lagst, lagst du in den Armen des Abscheus von Italien.
SIE Gerechter Gott!
ER Ich – Ich bin Rinaldini.
SIE Jesus Maria!
Die Gräfin sank vom stuhl und war einer Ohnmacht nahe. Rinaldo brachte sie auf ihr Zimmer. – Früh, des andern Tages, begehrte er sie zu sprechen. Sie schlief noch, wie es hiess. – Bald darauf brachte man ihm ein versiegeltes Billett von der Gräfin. Er erbrach es und las: "Unglücklicher! Du hast mich unaussprechlich unglücklich gemacht. Ich kann dich nicht wieder sprechen. Überlass mich meinem Schicksal und geh dem deinigen entgegen." Rinaldo liess satteln, setzte sich mit Lodovico auf und verliess mit ihm das Schloss. Ihre Unterhaltung auf dem Wege war ziemlich einsilbig, und sie waren schon zwei Tage geritten, ohne dass ein Hauptgespräch gehalten worden war. Zwar Lodovico hätte seinem Herzen herzlich gern über Verschiedenes Luft gemacht, da aber Rinaldo gar nicht gesprächig gelaunt war, schwieg er auch und hatte seine Gedanken für sich.
Sie ritten eben, den dritten Tag seit ihrer Abreise aus dem schloss der Gräfin, aus einer elenden Nachterberge mit Tagesanbruch fort, um einen Pass über eine Bergkette, die mit Waldungen bewachsen, ihnen sehr unsicher geschildert worden war, noch vor einbrechenden Abend hinter sich zu haben. Rinaldo fühlte selbst hier, wie den Reisenden zu Mute sein möchte, die den Anfällen von solchen Strauchdieben ausgesetzt waren, deren Anführer er gewesen war.
Sie erreichten den Pass gegen Mittag und waren kaum einige hundert Schritte in demselben fortgeritten, als sie fernher ein dumpfes Gemurmel und Geschrei vernahmen, in welches sich bald einige Schüsse mischten.
"Auf, Lodovico!" – sagte Rinaldo; – "dort gibt es Gefahr. Lass uns dortin eilen! Vielleicht legen wir einigen Burschen das Handwerk, von deren Gattung wir sonst selbst waren."
Sie sprengten darauf los und erblickten bald einen Wagen, der von sechs bis acht zerlumpten Gaunern angehalten wurde, die eben jetzt im Begriff waren, die Maultiere abzuspannen.
"Haltet an!" – schrie ihnen Rinaldo zu und zog eine Pistole.
Sogleich fiel ein Schuss nach ihm, der aber fehlging. – Lodovico trat in die Bügel, legte seine Stutzbüchse an, zielte scharf und gab Feuer. Einer der Gauner stürzte zu Boden. Einen zweiten traf ein Schuss von Rinaldo, und als dieser mit dem Säbel unter die andern stürzte, flohen sie eilig nach dem Gebüsch zu.
"Das sind