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wusste, ungleich mehr als Lodovicos Neckerei.

Rinaldo aber ging mit Lodovico auf weitere Entdeckungen in dem unterirdischen Gange aus.

Sie hatten eben die Schlösser und Riegel der eisernen tür gelöst, bemühten sich aber vergebens, sie zu öffnen, und ruhten ein wenig von ihrer Arbeit aus, als sie von aussen Fusstritte vernahmen. Bald wurden Riegel zurückgeschoben und die tür knarrte auf. Eine Figur kam nur halb zum Vorschein, als Rinaldo aufsprang und ihr ein donnerndes: "Halt!" entgegenschrie.

Im Nu verschwand die Figur, des Terrains besser kundig als Rinaldo und Lodovico, die ihr folgten. Sie stolperten durch einen schmalen gewölbten gang, der sich bei einer steinernen Treppe endigte, die aufwärts führte und deren Ausgang mit einer eisernen Falltür versehen war. Sie erstiegen die Treppe und kamen in einen Turm, der mit einer Wendeltreppe versehen war. Als auch diese erstiegen war, befanden sie sich auf den Zinnen des Turms und sahen, dass dieser ganz allein auf der äussersten Spitze des berges stand, auf welchem das Schloss lag. Der Turm war ohne Ausgang, und sie konnten nicht begreifen, wohin die Figur gekommen sein mochte, wenn nicht, was sehr glaublich war, eine Strickleiter am Turme ihr ins Freie geholfen hatte.

Da also weiter keine Entdeckungen zu machen waren, kehrten sie wieder um, untersuchten die Falltür, fanden sie sehr stark, schwer und von innen mit Riegeln versehen, die sie vorschoben, verkeilten und mit starken Schlössern versahen. – So verschlossen sie auch die eiserne Tür von innen und gingen durch den Saal in das Schloss zurück. Das gerettete Frauenzimmer hatte sich in ein paar Tagen sehr erholt, und Rinaldo, dem viel daran lag zu wissen, wen er gerettet habe, tat nun deshalb fragen an sie. – Sie erzählte, was folgt:

"Ich bin Euch, meinem Befreier, eine getreue Erzählung meines Schicksals und meines Unglücks schuldig; diese sollt Ihr haben, so aufrichtig, als ich sie Euch nur geben kann. – Ich heisse Violanta und bin die Tochter eines gewissen Brotezza de Noli, der ein Vasall des Grafen von Martagno war. Der Graf hatte eben durch den Tod seine erste Gemahlin verloren, als ich zu meinem Unglück mit ihm bekannt wurde. Er sprach mit mir von seiner Liebe. Ich glaubte ihm nicht; er beteuerte mir seine reinen Absichten und warb um meine Hand. Ich wies ihn an meinen Vater. Meine Mutter hatte ich in meiner frühsten Jugend verloren. Mein Vater focht damals in Spanien unter dem Banner seines Lehnsherrn und fiel bei der Belagerung von Barcelona. Ich war arm und verlassen und suchte Zuflucht bei einer Muhme. Wir machten zusammen, was wir aufbringen konnten, um mir eine Aussteuer zu erwerben, mit der ich in ein Kloster gehen konnte. Nach und nach brachten wir auch so viel zusammen als dazu nötig war, und ich machte mich damit auf den Weg. Hier wurde ich überfallen, gebunden und fortgeschleppt, ich wusste nicht wohin. Es waren Leute des Grafen Martagno, die mich angefallen hatten und mich hierher auf dieses Schloss brachten. Hier erschien der Graf und wiederholte seine alten Liebesanträge. Ich wies jede entehrende Zumutung mit Verachtung und Standhaftigkeit ab und erklärte, dass ich eher sterben als meine Tugend preisgeben würde. Der Graf versuchte mit List und Gewalt zu erhalten, was ich ihm verweigerte, aber alles war vergebens. Misshandeln konnte er mich, aber nicht bewegen, seinen bösen Willen zu erfüllen. Nur das Band der Ehe, sagte ich ihm, würde ihm gewähren können, was er zu erlangen wünsche. Als er nun sah, dass er mich nicht besiegen konnte, willigte er endlich ein, und der Priester gab unsere hände zusammen."

"Wie? Ihr wart mit dem Graf Martagno verheiratet?"

"So ist es. – Zu meinem Unglück ist es so! Er lebte etwas über ein Vierteljahr hier bei mir, verreiste dann und kam nicht wieder. Mich liess der Ehrvergessene, Gott weiss warum! in den Kerker schleppen, wo Ihr mich gefunden habt. Ich erhielt keine Antwort auf meine Klagen, und die Welt hörte mein Angstgeschrei nicht. Ein alter Bösewicht gab mir wasser und Brot und brummte täglich: Willst du denn ewig leben?"

"Gerechter Himmel!" – schrie Rinaldo. – "Der Graf hatte sich, indes ihr im Kerker lagt, zu Messina wieder verheiratet. Noch lebt seine Witwe, die gewiss von diesem Bubenstück auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hat."

Sie sprachen noch, als es im schloss laut wurde. – Rinaldo fuhr ans Fenster und sah einen Wagen in den Schlosshof fahren, in welchem die Gräfin sass. Er eilte ihr entgegen. Als Rinaldo mit der Gräfin allein war, erzählte sie ihm, man habe Hoffnung, dass der Kapitän wieder aufkommen werde. "Von Euch, Ritter", – setzte sie hinzu, – "glaubt man, dass Ihr auf irgendeinem Schiffe Sizilien verlassen hättet. Ich habe die Zeit benutzt, in welcher der Adel zu Messina auf seine Landgüter geht, und bin, wie Ihr seht, hier." Rinaldo dankte ihr verbindlich für ihre Güte, für ihren Schutz, und machte sie dann so lange aufmerksam, bis sie vorbereitet genug war, seine Entdeckungen und Violantens geschichte zu hören.

Die Gräfin schauderte bei dieser Erzählung heftig zusammen und verlangte Violanten zu sprechen, was auch geschah. Sie hörte die geschichte aus ihrem eigenen mund, versprach ihr Schutz und Beistand