1799_Vulpius_102_53.txt

hinter sich zu. Rinaldo stürzte über eine Bank und seine Kerze verlosch. Aus einem Winkel hervor jammerte eine weibliche stimme:

"Gerechter Himmel, ende meine Tage!"

Das fuhr Rinaldo durch Mark und Gebein. Er raffte sich auf und fragte mit bebender stimme: "Wer spricht hier?"

"Darf ich dich Retter nennen, so wisse, ein über alles unglückliches geschöpf fleht dich um Mitleid an. Ja, und wenn du selbst der grausame Graf Martagno wärst, so müsstest du, säh'st du mein Elend, mich wieder aus diesem Kerker an die schöne Sonne ziehen, deren glänzenden Anblick ich nun schon so lange entbehre", – antwortete die stimme.

"Der Graf Martagno ist tot."

"Tot? – Gelobt sei Gott! so wird sich mein Leiden endigen."

Jetzt vernahm Rinaldo Fusstritte und hörte von weitem seinen Namen rufen. Er gab Antwort. – Es war Lodovico, dessen brennende Kerzen sehr gelegen kamen. Rinaldo suchte und fand seine Kerze, zündete sie auch an und fragte: "stimme, die du mit mir sprachst, wo ist dein Aufentalt?"

Durch ein rundes, etwa ellenhohes Seitenloch kam die Antwort: "Hier! – Ich Unglückliche bin in einen engen Kerker vermauert und habe keine Öffnung als dieses Loch, durch welches mir meine kärgliche Kost gereicht wurde."

Rinaldo leuchtete hin und sah ein kreideweisses, eingefallenes Gesicht mit geschlossenen Augen vor der Öffnung stehen. Dieser Anblick fuhr wie ein Blitz durch seine Nerven und versteinerte selbst Lodovico.

"Ach!" – seufzte die Eingekerkerte und trat zurück, – "meine Augen können den Glanz des Lichtes nicht ertragen."

Rinaldo bedachte sich ein wenig, und um sich auf jeden Fall den rücken zu sichern, untersuchte er die eiserne Tür, die die fliehende Gestalt hinter sich zugeschlagen hatte. Er schickte Lodovico zurück, einige Werkzeuge und grosse Vorlegeschlösser zu holen, denn er fand starke Kreuzriegel und Bänder, die an den Seiten der Tür herabhingen. Von allem aber, was er hier gesehen habe, gebot er ihm, im schloss keine Silbe zu sagen.

Als Lodovico fort war, fragte Rinaldo die Eingekerkerte:

"Hast du hier nie Licht gesehen?"

SIE Zuweilen eine dunkelbrennende Lampe, wenn mir Stroh oder Brot und wasser gebracht wurde.

ER Gewöhne deinen blick nach und nach an den Schein der Kerzen, damit du das Tageslicht ertragen kannst.

SIE Willst du mich erlösen?

ER Ich will und werde.

SIE Endlich! endlich! Allmächtiger Gott! ich danke dir auf den Knien. Belohne meinen Retter und schenk ihm deinen Segen. Gib ihm die schönsten Freuden eines glücklichen Lebens und sei Vergelter seiner guten Tat. Erhöre, erhöre mein Gebet, du gütiger Vater aller guten Menschen! Rinaldo lehnte sich an die Mauer und seufzte: "Ach Gott! lehre mich wieder so herzlich zu beten, wie ich in meiner Jugend es konnte." Als Lodovico zurückkam, war er nicht allein mit Vorlegeschlössern belastet, sondern er brachte auch ein kleines Fläschchen guten Wein, einige Früchte und Gebackenes mit, für "die unglückliche, unbekannte, leichenblasse Figur", wie er sich ausdrückte.

"Das hast du wahrlich gut gemacht, Lodovico!" – sagte Rinaldo und teilte der Eingekerkerten mit, was ihr beschieden war.

Diese empfing es mit dem heissesten Dank, und indes sie sich labte, hoben ihre Retter die hängenden Riegel der eisernen Tür hinauf und befestigten sie mit Schlössern. Dann machten sie sich an die Arbeit, ergriffen Hacken und Brecheisen, legten Hand an und erweiterten das Kerkerloch bald so gut, dass die Eingekerkerte hindurchkriechen konnte. Sie fiel auf die Knie und betete, sobald sie befreit war.

Himmel! welch ein Anblick? Eingefallen, blass, hager, ein halbes Gerippe, mit vermoderten Lumpen umhüllt, ihre Blösse zu decken! Sie wankte, an Rinaldo gelehnt, den gang hinauf und bedeckte, des Tageslichtes ungewohnt, als sie in den Saal kam, ihr Gesicht mit der Hand. Die frische Luft nicht gewohnt, sank sie zu Boden. Rinaldo trug sie in sein Zimmer und legte sie auf ein Bett. Hier fiel sie ganz kraftlos sogleich in einen tiefen Schlummer, und Rinaldo verschloss hinter ihr die Tür.

Er schickte Lodovico in den benachbarten Ort, weibliche Kleidungsstücke einzukaufen. – Mit Hilfe des Castellans schaffte er eine andere Tür vor die Treppe, verwahrte sie wohl, führte dann diesen in das Zimmer, in welchem die Befreite auf dem Bette lag, legte die Hand auf seinen Mund, führte ihn wieder zurück und verschloss die Tür.

CASTELLAN Heiliger Gott! was habe ich gesehen?

RINALDO Die Geheimnisse der Unterwelt. – Herr Castellan! Ihr seid ein verständiger Mann. Was Ihr gesehen habt, werdet Ihr zu verschweigen wissen, bis ich selbst es ratsam finde, alles zu offenbaren. – Die Gräfin und ihre Familie ist bei der Sache im Spiele. –

CASTELLAN Herr Baron! Ich bin ein Mann und kann schweigen.

RINALDO Darauf verlasse ich mich. – Jetzt still! von nichts weiter gesprochen. Wir reden morgen weiter davon. Lodovico kam zurück und brachte Kleider, die der Befreiten gegeben wurden. Sie erhielt speisen und wurde in ein Zimmer verschlossen, wo sie andertalb Tage lang beinahe beständig schlief, was sehr viel zu ihrer Erholung beitrug.

Giorgio und der Castellan wurden von Lodovico wegen ihrer Furchtsamkeit sehr geneckt. Aber den letzteren plagte die Neugier wegen des Geheimnisses, wovon er nichts