Magen sieht's aus wie in einer Armenbüchse. Genug, da ich das merkte, dachte ich, nun wird's doch endlich einmal gelegenheit geben, deinen Hauptmann zu sprechen; schlich mich wieder in den Garten und versteckte mich in ein Boskett. – kommt da der Teufelskerl von Kapitän auch angestochen. Ich laure, höre jedes Wort, sehe' Eure Degen blank – paff! brenne ich los, und der Korse liegt am Boden. Getroffen habe ich ihn. Ist er nicht tot, so ist's nicht meine Schuld. Aber, alle Wetter, wie war ich aus dem Garten hinaus. In der Entfernung sehe ich ein Pferd bringen, Ihr stiegt auf, ich gehe Euch nach, und seht, da bin ich, Euch zu folgen, wohin Ihr geht, wenn Ihr mir es erlauben wollt. –
RINALDO Du gehst mit mir.
LODOVICO Gratias! Wenn's nur schon Tag, und wenn nur ein Gastof in der Nähe wär', ich habe Hunger wie ein Wolf. Seht! nun sind wir unserer zwei. Da reiset sich's schon besser. Ich habe ein paar gute Puffer bei mir, und ehe sie Euch totschlagen, muss ich keinen Knochen mehr rühren können. So schwadronierte Lodovico fort, bis der Tag anbrach und sie sich in einem dorf befanden, wo sie Halt machten. – Es wurde gegessen und getrunken, und Rinaldo kaufte ein Maultier für Lodovico. Bald sassen sie auf und setzten ihren Weg fort. Ohne Gefahr und Abenteuer kamen sie den sechsten Tag endlich glücklich an dem Orte ihrer Bestimmung an.
Das Schloss lag mitten im Gebirge, unter Bergen, auf dem höchsten derselben, war mit Mauern und Gräben umgeben, hatte Zugbrücken und war ziemlich fest. – Der Castellan des Schlosses, ein alter, etwas mürrischer, aber dabei ziemlich guterziger Knabe, ehemals Haushofmeister des Vaters der Gräfin, hatte ihren Brief gelesen und sagte ganz trocken:
"Dem Herrn Baron steht das ganze Schloss zu Befehl, nach dem Willen der Frau Gräfin."
Rinaldo nahm Besitz von ein paar alten, niedlichen, altväterisch möblierten Zimmern.
Der Castellan, seine Frau, seine Tochter, eine Magd und ein alter Invalid, der ehemals unter dem Vater der Gräfin Spanien gedient hatte und hier das Gnadenbrot verzehrte, das ihm die Gräfin reichte, waren die Bewohner des Schlosses, deren Anzahl nun ganz unerwartet vermehrt wurde.
Um den Vorrat sah es in dem schloss nicht zum besten aus. Daher machte Rinaldo sogleich Anstalt, diesen Artikel in besseres Ansehen zu bringen. Lodovico, der Invalid Giorgio und die Magd wurden ausgeschickt, kauften ein, trieben beladene Esel herbei und verproviantierten Küche, Schränke und Vorratskammern der Castellanin. Der Schlosshof wurde bald mit Geflügel bevölkert. Der Weinkeller war in gutem Zustande. Dazu überlieferte der Castellan die versiegelten Schlüssel. – In kurzem kam mehr Leben ins Schloss und die alten, vormaligen stumpfen Bewohner desselben wurden tätig, munter und aufgeräumt.
Rinaldo sass auf der alten Bergfeste, überschaute rund umher die Gegend, ging spazieren, durchlas alte Chroniken, liess sich von dem Castellan Abenteuer aus der Gegend und von Giorgio seine Feldzüge erzählen.
Einst sassen sie auch beisammen und hatten sich in Abenteuer vertieft, die ihren Weg geradezu ins verrufene Geisterreich nahmen, als der Castellan begann:
"Ach! lieber lieber Herr Baron! es lässt sich von dieser Art manches aus unserer Gegend erzählen; aber nicht allein aus unserer Gegend, sondern auch sogar aus unserm schloss."
GIORGIO Ja, ja! Das ist richtig.
RINALDO So? – Und was gibt es hier? Geisterspuk?
CASTELLAN In dem hintern saal, vor dessen Tür die grossen Schlösser hängen, ist's traun nicht recht geheuer.
LODOVICO Habt ihr etwas gesehen?
GIORGIO Ich nicht, aber gehört habe ich genug. Aber da, das Mädchen, Lisberta, des Castellans Tochter, die hat etwas gesehen!
LISBERTA Ja! – Voriges Jahr wollte die Frau Gräfin hierherkommen – da putzten und fegten wir das Schloss. Ich musste den grossen Saal auskehren, aus dem eine verschlossene Treppe hinab, ich weiss nicht wohin, geht, weil die untere Treppentür beständig von innen verschlossen gewesen ist, wie mein Vater gar nicht anders weiss.
CASTELLAN Beständig. – Es hat sich auch, so lange ich hier bin, kein Mensch die Mühe genommen, der Sache weiter nachzuspüren, weil niemand zu uns kommt. Selbst die Frau Gräfin ist nur ein einzigesmal, drei Tage lang, hier gewesen.
LISBERTA Wie ich nun so den Saal ausgekehrt hatte, stehe ich so ganz still und putze im Fenster einen Wandleuchter ab. Da höre ich Fusstritte. Ich denke, es ist mein Vater oder sonst jemand, und achte nicht weiter darauf. Wie es aber immer näher kommt, drehe ich mich herum und sehe in der obern Treppentür eine grosse, lange, hagere Figur mit einem Barte stehen. Weiter weiss ich nichts zu sagen. Ich sank ohnmächtig zu Boden, und als ich wieder zu mir kam, war die Figur verschwunden. – Das ist gewiss wahr, und darauf kann ich jede Stunde das Sakrament nehmen.
RINALDO Da wir jetzt Zeit und Musse dazu haben, wollen wir doch gleich morgen das Spuk-Terrain untersuchen.
CASTELLAN Mich nehmt nicht dazu. Zu so etwas tauge ich nicht.
RINALDO Ich und mein Lodovico wollen das allein tun. Giorgio müsste uns denn auch etwa freiwillig begleiten wollen? Er ist ja ein alter Soldat