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"Genug, lieber Alter! für uns beide. Auch genug, wenn noch eine dritte person mit uns speisen sollte?" – sagte Rinaldo.

Der Alte antwortete schnell:

"Eine dritte person? Ist noch jemand zurück, der dir folgt?"

"Von mir ist niemand zurück. Wenn aber etwa hier" –

"Bei mir wohnt keine Seele, als mein Hündchen und ein paar Turteltauben. – Wie kommst du aber auf die Vermutung, hier ausser mir, noch eine person zu finden?"

Rinaldo schob den Tischkasten auf und zeigte auf das Strickzeug.

"Aha!" – lächelte der Alte. – "Ja, dieses Strickzeug gehört wirklich einer dritten person, die aber nicht bei mir wohnt. Sie hat es vergessen und diesen Morgen hier liegenlassen."

Hierauf verliess der Alte seinen Gast, sein frugales Mahl aufzutragen.

Indessen sah sich Rinaldo genauer um und öffnete eine Tür, die in eine kleine kammer führte. Hier war das Nachtlager des Alten, über welchem ein paar Pistolen zwischen zwei Ölgemälden hingen. Er nahm die Lampe, beleuchtete die Gemälde und fuhr betroffen zurück.

Die Gemälde, die er sah, waren die nämlichen Bildnisse, die ihm diesen Morgen als Beute waren gegeben worden; die Nonne und der Offizier. Den kleineren Portraits waren sie zum Sprechen ähnlich. – Er verliess die kammer und ging nachdenkend in die stube zurück.

Der Alte, der sich Donato nannte, trug seine Gerichte auf und setzte sich, als er ein kurzes Gebet recht herzlich gesprochen hatte, mit seinem gast zu Tisch.

Sie liessen es sich beide wohl schmecken, und als die erste Bouteille geleert und die zweite schon angebrochen war, kam es zu einer, uns auch nicht gleichgültigen, Unterhaltung.

RINALDO Nun ein Glas auf das Wohlsein der bewussten dritten person; sie sei nun hier oder nicht!

DONATO Auf ihr Wohlsein! aber hier ist sie nicht.

RINALDO Wo denn?

DONATO Ungefähr eine Stunde von hier, ausserhalb dem Gebirge, liegt ein Meierhof. In diesem wohnt das Mädchen, das ihr Strickzeug hier liegenliess. – Sie ist die Pflegetochter des Meiers; ein gutes, harmloses, frohes geschöpf. Ich liebe sie, wie ein Vater seine Tochter liebt, und sie ist meiner Liebe, sie ist der Liebe der ganzen Welt wert. – Sie soll leben!

Sie stiessen an und tranken. Hierauf folgte eine Pause. – Endlich knüpfte der Alte, den der Wein gesprächig machte, die Unterhaltung wieder an.

DONATO Darf ich nach deinem vaterland fragen?

RINALDO Ich bin ein Römer.

DONATO Ein Römer? In Rom selbst geboren?

RINALDO Auf dem land.

DONATO Die Hand, Landsmann. Auch ich bin ein geborener Römer. Aber ich freue mich meines Vaterlandes nicht. Es ist ein undankbares Land. – Ich bin schlimm behandelt worden. Selbst die unparteiische Rota und ihre Sprüche konnten mich nichtGenug! – Hier lebe ich ruhig, und habe meinen Feinden verziehen. Rom kann keine Männer mehr tragen. Sie zu schätzen, weiss es gar nicht. Sie sind ein üppiges, grausames und ungerechtes Volk, diese Römer. – Wie haben sie dich behandelt?

RINALDO Mein Unglück gebar meine eigene Schuld.

DONATO Dieser Vorwurf würde mein Trost sein, wenn ich ihn mir machen könnte. Aber ich habe unschuldig gelitten.

Eben wollte Rinaldo antworten, als man ganz deutlich Menschenstimmen vor der Klause vernahm. Sie kamen immer näher, und endlich wurde an die Tür geklopft.

"Was ist das?" – rief Rinaldo nicht ohne Bestürzung aus.

Donato öffnete ruhig das Fenster und fragte, wer da sei.

"Mach auf!" – schrie man draussen.

"Es stehen Bewaffnete vor der Tür", – sagte Donato. – "Es können Sbirren oder Soldaten sein. Hast du dergleichen Leute zu fürchten, so gehe in diese kammer. Du kommst leicht aus derselben durch ein Fenster in meinen Garten. Übersteigst du den Zaun und wendest dich rechts, so kommst du zu einem Felsen, in dessen Grotte linker Hand du dich verbergen kannst. – Ich will die Tür sogleich öffnen, dass man nichts argwöhnt."

Rinaldo lockte seine Hunde zu sich und begab sich in die kammer. – Donato ging und öffnete die Tür seiner Klause.

sechs Bewaffnete traten ein und kamen mit ihm in die stube. – Rinaldo vernahm in der kammer, was gesprochen wurde.

"Wer bist du?"

"'Ich bin der Klausner Donato.'"

"Bist du hier allein?"

"'Ich wohne allein hier.'"

"Kennst du uns?"

"'Wie sollte ich das?'"

"Fürchtest du uns?"

"'Seid ihr Diener der Gerechtigkeit, so kann ein Unschuldiger euch nicht fürchten.'"

"Du irrst dich. Wir sind keine Spürhunde der lendenlahmen Justiz. – Wo hast du dein Geld?"

"'In diesem Beutel. – Hier ist er.'"

"Geh zum Teufel mit deinen paar Lumpenpfennigen! Schaff mehr!"

"'Dies ist mein ganzer Reichtum.'"

"Kerl! da steht Wein. Du bist kein Bettler. – Schaff mehr Wein her!"

"'Dieser Wein ist ein Geschenk. Ich habe weiter keinen."'

"Donnerwetter! Hier haben ihrer zwei gegessen. Du bist nicht allein. Der Schelm hat gelogen. Knebelt den alten Sünder! Er soll beichten."

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