Sonne zogen durch die Fluren, färbten die Gipfel der Berge purpurrot und schwanden. Die Abendlüfte trugen Wohlgerüche auf balsamischen Flügeln über die Auen. Die Abendfliegen erwachten, durchschwärmten summend die Gegend, und in der Ferne erklang des Hirten laute Schallmei in das Glokkengeklingel seiner Herde. Schmachtend ertönte der Sang der liebeflötenden Nachtigallen, und jeder Zweig wurde zur Kehle.
Rinaldo stand an der Tür des Gartens einer geschmackvollen Villa. Die Tür war offen. Er ging in den Garten. Duftende Orangengerüche flogen ihm entgegen, laute Kehlen begrüssten ihn von blühenden Zweigen herab. Er nahte sich einem schönen haus, das mitten im Garten stand.
Hier begegnete ihm ein Gärtnermädchen, leicht gekleidet und hochgeschürzt. Dieses fragte er: "Wem gehört diese schöne Villa?"
"Der Gräfin Martagno", erhielt er zur Antwort.
"Ist die Gräfin hier?"
"Schon seit diesem Morgen", – antwortete das Mädchen und ging die Allee hinunter.
Rinaldo hatte sich noch nicht entschlossen, ob er gehen oder bleiben wollte, als er in einer Orangenlaube sich etwas Weibliches bewegen sah. Er war noch unentschlossen, ob er weiter voroder weiter zurückgehen wollte, als die Dame aus der Laube trat und ihm zurief:
"Ritter! Darf ich meinen Augen trauen? Seid Ihr es selbst, oder ist es Euer Geist?"
Es war die Gräfin selbst, die das sprach, und nun war's für Rinaldo zu spät fortzugehen. Er nahte sich ihr mit einer stummen Verbeugung.
"Um aller Heiligen willen!" – fuhr die Gräfin fort, – "Wie habt Ihr meine Villa gefunden?"
ER Wie man oft mehr in der Welt als eine Villa findet, durch Zufall. –
SIE Der Zufall hätte Euch nur um ein paar Schritte weiter führen können, so wär' fräulein Laura die Schuldnerin dieses Zufalls geworden. Ihre Villa liegt neben der meinigen, und sie ist dort eben anwesend. – Oder habt Ihr Euch etwa verirrt und seid zu galant es zu gestehen? Ich will Euch zu rechte führen lassen.
ER Wollt Ihr mich vom Zufall annehmen und behalten?
SIE Heisst der Zufall nicht Laura, so seid Ihr mir willkommen.
Sie bot ihm, als sie das sagte, die Hand und führte ihn in die Laube, wo auf einem Tische eine Guitarre und ein Buch lagen. Es waren Petrarchs Sonette. – Die Ottomane hatte Platz für beide. Sie liessen sich nieder und es entstand eine starke Pause. – Endlich fragte die Gräfin ganz naiv:
"Wovon sprechen wir nun gleich?"
"Doch von dem schönen Abend?" – lächelte Rinaldo.
Die Gräfin lachte laut auf.
Die Unterhaltung wollte nicht recht in gang kommen. Man stand auf, wandelte in dem Garten umher, sprach von gleichgültigen Sachen und näherte sich endlich einem Pavillon, der der Standort einer weit interessanteren Unterhaltung werden sollte.
SIE Ich freue mich recht sehr, eben Euch, und so unvermutet, bei mir zu sehen, denn wahrhaftig, nur Ihr, Ritter! seid es, der die Laune, die mich quält, verscheuchen kann.
ER Darf ich fragen, was es ist, das Euch so übel gelaunt macht?
SIE Ihr könnt es erfahren. Ein unleidlicher Mensch dringt sich mir selbst auf; einen andern will mir meine Familie als Gemahl aufdringen. –
ER Und Ihr wollt nicht wieder heiraten?
SIE Diese beiden wenigstens nicht.
ER So nehmt einen dritten, der sich Euch nicht aufdringt.
SIE Wenn ich wieder wählen soll, so will ich einen haben, der sich mir gibt; sonst keinen.
Sie hatte, als sie das sagte, ihre Hand von sich gestreckt, und diese sank auf Rinaldos Hand. Sie zog sie schnell zurück, aber Rinaldo haschte sie noch im Fliehen, schloss sie in die seinige, drückte sie sanft und fühlte die seinige wieder gedrückt. – Von ungefähr fanden sich ihre Augen. Im Augenblick lagen sich beide in den Armen. Die Verkettung wurde immer stärker, und man hatte weder Lust noch Kraft sie zu lösen.
Ein lautes Gespräch, das die Allee herauf nach dem Pavillon zukam, riss das entzückte Paar aus einem der schönsten Träume, dem die Wirklichkeit stets vorhergeht. Sie sprangen auf, suchten sich zu sammeln, und Laura trat in Gesellschaft einiger Damen in den Pavillon.
Wie die Bewillkommnungs-Komplimente von beiden Seiten ausfielen, kann man sich denken. Die Verlegenheit nahm Platz in der Gesellschaft, und bis zur Ankunft der Kutschen, welche die Damen in die Stadt zurückbrachten, konnte auch nicht ein einziges zusammenhängendes Gespräch geführt werden.
Die Wagen kamen endlich. Rinaldo hob die Damen hinein, und Laura lispelte ihm zu:
"Ich gratuliere!"
Fussnoten
1 Eine Beschreibung und Abbildung einer solchen andachtsvollen musikalischen Szene findet man in der Voyage pittoresque en Naples et Sicile. T. I. p. 140. No. 111. 2 In wie weit dieses und das dahin Gehörige noch folgen wird, sich beziehend auf die Gesellschaft der Schwarzen, der Carbonaria, u. dgl. – davon ist zu lesen das Buch, welches nicht ungelesen bleiben muss: Lionardo Monte Bello. Fortsetzung der geschichte Rinaldinis (Leipzig 1821) 1. T. S. 220 ff. 3 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 224. 4 Lionardo Monte Bello. 2. T. S. 113.
Zweiter teil
Quisque suos patimur manes.
VIRGIL
Fünftes Buch
Wo suchst du Schutz? Wie kannst du