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, hier eine Freundin, da sie dieselbe aber nicht fand, blieb sie auch da.

Es entspann sich ein gleichgültiges Gespräch, unter welchem beide, ganz unvermutet, in die Galerie kamen, welche an das Zimmer stiess. – Sie gingen sprechend immer weiter und kamen in einen glänzenden Saal, in welchem die Tafel serviert wurde.

LAURA Das muss man gestehen, die Gräfin wohnt vortrefflich hier! Ihr Haus ist ohne Widerspruch eines der schönsten Häuser in Messina.

RINALDO Die Gräfin scheint

LAURA Sie ist eine Frau von viel Geschmack und Geist und sehr liebenswürdig. – Man sagt, sie würde sich wieder vermählen.

Dergleichen sprechend waren sie durch die Galerie wieder in das Zimmer zurückgekommen, welches Laura schnell und unbemerkt verliess. Er blieb hier, in Nachdenken verloren, unbemerkt, bis der Klang der Trompeten ihn zur Tafel rief. –

Hier kam er, als Fremder, neben die Frau des Hauses, die Gräfin, zu sitzen, und Laura sass ihm gegenüber. – Sein Nachdenken hatte ihn verstimmt, und sein Betragen wurde gegen seine Nachbarin sehr zeremoniös, worüber Laura viel heimliche Freude hatte.

Der Baron Malvento unterhielt die Gesellschaft mit Rinaldinis Untergang und Schicksal in Kalabrien. Die Unterhaltung über diesen Mann wurde allgemein. Jedes äusserte seine Meinung.

Laura meinte, der Strassenräuber sei viel zu ehrenvoll gestorben, er hätte sein Leben auf dem Rade beschliessen sollen. Das gab Rinaldo einen starken Stich ans Herz, in welchem das unbarmherzige fräulein sogleich ein wenig auf die Seite geschoben wurde. – Die Gräfin meinte, Rinaldini sei doch ein bedeutender Mann gewesen, der nur an der Spitze eines Heeres hätte stehen sollen, um sich seines Nachruhms zu versichern. Das gab der Gräfin Laurens ganzen Platz in Rinaldos Herzen.

Der Marchese Romano sagte der Gesellschaft, sein Freund, der Herr Ritter, habe ihm versichert, er habe Rinaldini gekannt. Sogleich bestürmte ihn die Gesellschaft mit fragen. Laura fragte:

"Wie fandet Ihr denn diesen Gaunerkönig?"

"Mich", – sagte Rinaldo, – "hat er gut behandelt. Ich war in seiner Gewalt, und er hat dieselbe nicht missbraucht."

"Wie sah er denn aus?" – fragte die Gräfin.

"Edler, als es ihm sein Handwerk hätte erlauben sollen."

Laura schimpfte auf Rinaldini fort, bis sich das Gespräch der Gesellschaft auf einen andern Gegenstand drehte, was Rinaldo sehr gern hörte. Die Nacht verschwebte im Tanze, und der Morgen brach an, als Rinaldo nicht in seine wohnung, sondern vor die Stadt, in die Gegend der Gärten und Landhäuser ging, dort den schönen Morgen zu geniessen, der sich, auf tauenden Schwingen, in die blühenden Täler senkte. Seine Fusstritte liessen Streifen in den betauten Wiesenmatten zurück, und seine Blicke suchten einen Hügel, von welchem herab er die schöne Gegend übersehen konnte. Farbig spiegelten sich der Sonne goldene Strahlen im perlenden Tau; Himmel und Erde waren erwacht. Aurora hatte zugleich mit ihren Rosenpforten Rinaldos Sinne aufgeschlossen. Er lehnte sich an eine Pinie und überschaute das glänzende Tal. Seine Augen waren nass wie das Tal. Auch in seinen Tränen erglänzten der Sonne goldene Strahlen; auf seinen Wangen entglühte zurück das Purpurrot des himmels.

Fernher ertönte das melodische Murmeln eines Wasserfalls, und drüben auf den Hügeln erklang hinter feisten Herden die ländliche Schalmei der frohen Hirtenwelt.

"Ach!" – seufzte Rinaldo, – "dass auch ich noch hinter Herden einherging, wie ehemals in meinen väterlichen Fluren! Dass auch ich noch froh und munter, schuldlos und unbefangen die Töne meiner Schalmei mit schmeichelnden Lüften vermählen könnte! Wie? wenn ich in ein fernes Land gehen, wieder zu meinem Hirtenstabe greifen und mich in die Einöde Spanischer Triften verbergen könnte? O! dass ich dieses Glücks teilhaftig würde! Was hält mich im Taumelkreise der Welt noch zurück, wo ich, von Gefahren umlagert, gewiss noch ein Opfer eines gerichtlichen Todes werde? Fort, fort aus Siziliens Tälern, in Spaniens duftende, friedliche Auen!"

Er sprachs, und Tränen begleiteten seine Worte.

"Ich Unglücklicher, der ich bin!" – seufzte er tief auf und verstummte.

Da kam ein Einsiedler den Hügel herauf, grüsste ihn freundlich und sagte:

"Du bist ein Unglücklicher, wie du seufzst? Warum bist du unglücklich? Bist du es durch deine eigene oder durch fremde Schuld?"

"Beides!" antwortete Rinaldo mit einem gepressten Seufzer.

"Lerne dulden und tragen", – fuhr der Einsiedler fort; – "das ziemt dem mann. Der Himmel hat Wege genug, dir einen sanften anzuweisen, wenn es dir nicht heilsamer ist, eine rauhe Strasse zu wandeln. Bedenke, dass alles, was geschieht, zu deinem Besten dient."

"Nimmst du Almosen?" – fragte Rinaldo rasch.

"Um es andern zu geben; ja", – antwortete der Eremit. – "Für mich habe ich immer genug, weil ich wenig bedarf. Aber es gibt Menschen, die auch dieses Wenige nicht haben."

"Diesen gib!" – rief Rinaldo, drückte ihm eine Börse in die Hand und eilte in die Stadt zurück. Der Marchese sagte ihm, dass er auf einige Tage verreisen werde, und empfahl ihm indessen die Unterhaltung seiner Frau und Töchter an.

Den Tag nach der Abreise des Marchese ging Rinaldo hinaus in die Gartenfelder und suchte sein Lieblingsplätzchen auf.

Der Abend senkte sich über die Täler. Die Streifen der fliehenden