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Denongo, genannt Laura, eine der ersten und reichsten Partien der Insel, und eine Gräfin Martagno, eine Dame von Geist, voll des feinsten einnehmenden Wesens, nicht so schön als Laura, aber dennoch ungemein interessant. Sie war in ihrem zweiundzwanzigsten Jahre, Witwe und Besitzerin eines ansehnlichen Einkommens von ererbten Gütern.

Diese beiden Damen interessierten, wie gesagt, unsern Ritter ungemein, und es war ausgemacht, dass auch er von ihnen nicht mit Gleichgültigkeit gesehen wurde. Besonders schien die Gräfin dies an den Tag zu legen. – Sie war eine interessante Frau, ein zartes, feines Gebild, das man wahrhaft reizend nennen konnte. Sie hatte viel Geist und ein sehr schnell einnehmendes Wesen. Voll sanftem Feuer waren ihre Augen; zierlich von der Stirn herabsteigend ihre Nase. Ihr Kopf war üppig schön umlockt. Um ihre Lippen schwebte stets ein heitrer Zug. Lächelnd gruben sich in Kinn und Wange zwei liebliche Grübchen ein. Eine sehr schön geformte Hand begleitete ihre Worte mit herrlichen Gesten. Ausdruck war ihr ganzes Wesen, wenn sie sprach. Ungemein edel war ihre Haltung, schwebend ihr gang, harmonisch ihre stimme. Eine wahrhaft hohe Sinnlichkeit schwebte über ihr ganzes Wesen; wirkliche Liebe in der schönsten Harmonie mit all ihren Reizen.3

Bei einer Fete, wo die Damen sich singend hören liessen, sang auch die Gräfin zur Guitarre:

Lied

Wo Liebe sich bettet, da ruht sich's gar weich,

Da gründet die Freude ein fröhliches Reich.

Da scherzt man so freundlich, da kost man vertraut,

Da findet die Liebe der Jüngling als Braut.

Da findet das Liebchen der Freuden gar viel,

Sie wandelt durch Blumen zum rosigen Ziel,

Da kränzt sie die Liebe gar herzlich vertraut,

Sie findet den Jüngling, die zärtliche Braut.

Es wiegen die Scherze der Liebe sie ein,

Nun ruht sie so sicher, um glücklich zu sein.

Sie schlummert so friedlich, so zärtlich vertraut,

Im arme des Lieben, die glückliche Braut!

Ein allgemeines Bravo! belohnte die Sängerin. Diese aber suchte den Beifall nur in Rinaldos Augen. Dann sprang sie auf und gab das Signal zum Tanz.

Darauf erklärte sie, sie wünsche einen guten Tänzer zum Bolero zu finden. Ein niedliches Mädchen, gekleidet als Jüngling, trat als ihr Tänzer auf. Die Gräfin schwebte mit dem verkleideten Jüngling in des Tanzes wollüstigen Touren dahin, ohne Rinaldo aus den Augen zu verlieren. – Die rauschende Musik ertönte. Aufeinander zu flogen die Tanzenden. Sie suchten, sie fanden sich. Ausgebreitet waren ihre arme, zärtlich geöffnet ihre Lippen; ihre Küsse begegneten sich. Sanfte Trennung; zärtliches Zurückkommen. Beredter wurden ihre Blicke; jeder Muskel erzitterte. Ihre Herzen erbebten. – Zärtliche Pause. – Endlich sanken, wonneberauscht, sie einander in die arme.4

Rinaldo stand unter den Zuschauern neben Laura, die ihn fragte:

"Wie findet Ihr diesen Tanz?"

"So", – antwortete er, – "dass ich um keinen Preis in der Welt meine Geliebte ihn mit einem andern mann, als mit mir, würde tanzen lassen."

Die Gräfin warf sich auf einen Stuhl, wehte sich Luft mit dem Tuche zu. Rinaldo lispelte: "Wie reizend schön!" – Die Gräfin lächelte mit einem blick ihn an, der ihn durchdrang. Der Tanz wurde allgemeiner. Die Gräfin entfernte sich. – Umgekleidet erschien sie wieder, ging auf Rinaldo zu und sagte:

"Ritter! Man hat Depeschen an Euch bei mir abgegeben, die ich Euch überliefere und die Ihr hier in der besten Einsamkeit lesen könnt, wenn Ihr Euch nicht selbst stören wollt. Auch könnt Ihr hier Euch ganz dem Nachdenken überlassen, wie Petrarch an seine Laura. – Ich heisse nur Dianora, und mein Name ist nicht so schmelzend als jener. – Lasst Euch nicht stören!"

Sie verliess das Zimmer. Rinaldo erbrach den ihm gegebenen Brief. Er war von Olimpia, mit beigelegten Einlagen an den Marchese Romano und den Baron Malvento. – Rinaldo öffnete seinen Brief und las:

"Geliebter Ritter!"

"Ich hoffe, du befindest dich wohl. – In den besten Händen von der Welt bist du wenigstens. Vermöge deines schriftlichen Versprechens bitte ich dich, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeigen, dass du dem Marchese Romano in allem folgst. Er wird dir sagen, dass es Zeit wird, dich mit dem Alten von Fronteja bekannt zu machen. Das darfst du nicht versäumen. – Vielleicht sprechen wir uns bald persönlich."

"Als Neuigkeit muss ich dir schreiben: Dass des berüchtigten Rinaldinis Räuberbande, wie man sagt, ganz aufgerieben ist. In St. Lucito sind gestern neun seiner Gesellen, die man lebendig bekommen hatte, erschossen worden. Alle haben ausgesagt, Rinaldini selbst sei, in Stücke zerhauen, an ihrer Seite gefallen. Man ist sehr froh, dass dieser gefährliche Mensch auf diese Art sein Leben geendigt hat. Ein gewisser Cintio soll sich aber doch mit einigen Kameraden durch die Milizen durchgeschlagen haben. Ihm wird jetzt nachgespürt."

"Die zweite Neuigkeit ist, dass ein gewisser, dir wohlbekannter Kapitän, von einem gewissen, dir gleichfalls bekannten Lodovico mit sechs Dolchstichen beinahe ermordet worden ist. Er liegt sehr schlecht darnieder. Der Täter ist entkommen."

"lebe wohl! Es bleibt dir die Liebe

Deiner Olimpia."

Rinaldo hatte gelesen und steckte die Briefe zu sich, als Laura in das Zimmer trat. Sie suchte, wie sie sagte