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und schlüpfte hinaus.

sechs Schritte vom schloss fand er die Pferde und einen Reitknecht, der ihn erwartete. Er stieg auf und trabte mit ihm rasch zu. Sie erreichten bald den Hafen. Dem Begleiter drückte er Geld in die Hand und schnallte den Mantelsack vom Pferde. Der Knecht sprengte zurück, und Rinaldo kleidete sich, hinter einem Busche, in ein Reisekleid, das er im Mantelsack fand. Sein Rock nahm den Platz desselben ein.

Die Sonne ging auf. – Den Mantelsack unter dem arme ging er nach dem Hafen zu.

Dem Offizier von der Hafenwache, der ihn anhielt, zeigte er seinen Pass und erhielt ohne Bedenken Erlaubnis, seinen Weg fortzusetzen.

Es lag wirklich eine genuesische Galeere in dem Hafen, die ihn aufnahm.

Die Anker wurden bald darauf gelichtet, der Wind schwellte die Segel, Rinaldo seufzte nach dem land zu: "Ach Rosalie!" und das Schiff stach in die See. Sie kamen nach Messina. – Rinaldo hatte kaum Quartier gefunden und sich anständig gekleidet, als er zu dem Marchese Romano eilte, seinen Brief von Olimpien abzugeben.

Er fand ihn in grosser Gesellschaft in seinem Palais. – Sobald der Marchese den Brief gelesen hatte, wurde er sehr freundlich und stellte seinen Gast der Gesellschaft vor, welche aus Prinzen, Grafen, Gräfinnen und Baroninnen bestand, die sich höchlich seiner Bekanntschaft freuten und sich nichts weniger träumen liessen, als einen so verrufenen Räuberhauptmann in ihrem illustren Zirkel zu sehen.

Der jetzige Herr Ritter hatte tausend fragen zu beantworten, beantwortete dieselben zu allgemeiner Zufriedenheit und zog sogar die Blicke von einigen der schönsten Damen der Gesellschaft auf sich. Man gestand sich, der Ritter sei ein schöner Mann, und die Herren fanden einen artigen, weitgereisten Kavalier in ihm. Man erbot sich zuvorkommend zu hundert Gefälligkeiten, und der Marchese Romano liess nicht eher nach, als bis sein Gast versprach, Quartier in seinem haus zu nehmen.

Wie sehr war jetzt die Szene um den nagelneuen Ritter herum verändert! Sonst unter Mördern und Räubern, auf dem rücken irgendeines unwirtbaren Felsens, noch vor kurzem in einem stinkenden Kerker, und jetzt in einer der vornehmsten Gesellschaften Siziliens, in glänzenden Zimmern eines prachtvollen Hauses.

Und er schien hier ebensogut als dort zu haus zu sein.

Ehe die Gesellschaft auseinanderging, erhielt er verschiedene Einladungen, und dann bat sich sein Wirt seine Gesellschaft und eine Unterredung unter vier Augen aus. Beide begaben sich in den Pavillon eines schönen Gartens, der an dem Palais des Marchese lag; hier liessen sie sich nieder. Als der Marchese die Weingläser gefüllt hatte, erhob er das seinige mit einem Gesundheitszuruf.

MARCHESE Herr Ritter, unsre Freundin Olimpia hat Euch mir so vorteilhaft empfohlen, dass ich geradezu und ohne Umschweife Euch Freund nenne.

RINALDO Mir ungemein viel Ehre!

MARCHESE Ein Mann von Talenten und so vielen Kenntnissen, wie Ihr, kann allerdings den gegründetsten Anspruch darauf machen, mit einer Verbindung näher bekannt zu werden, die ihr zur Ehre und ihm zum Vorteil gereichen wird. Alle meine Gäste, die Ihr gesehen und gesprochen habt, Menschen von Kopf und Herz, werden sicher mit mir der guten Hoffnung leben, in Euch ein Mitglied ihres Bundes voll Mut und Geist zu finden.

RINALDO Ich bitte, Euch deutlicher zu erklären.

MARCHESE Ich nehme keinen Anstand dies zu tun. – Es gibt ein gewisses allgemeines Band in der Welt, welches Konvenienz und Verhältnisse nur allzuoft zerrissen haben. Dieses werde wieder hergestellt von Menschen von Geist und Sinn; es werde dann durch sie allgemeiner gemacht. Im Kirchenstaate, in den Königreichen Neapel und Sizilien kennen sich eine grosse Anzahl Menschen mit, durch und für diesen Beruf. – Ein gegenseitiges Bedürfnis schafft gegenseitigen Beistand, gegenseitige Teilnahme. Schon genug zu wissen, man kennt sich, man kann allentalben auf Freunde rechnen.2

RINALDO Ein tröstlicher, willkommener Gedanke! Edler Mann, Ihr wisst nicht

MARCHESE Ich weiss, was ich wissen darf. – Der Gesellschaft seid Ihr vor der Hand nur der Ritter de la Cintra, bis sie mehr von Euch erfährt.

RINALDO Herr Marchese! Ihr wisst also

MARCHESE Ich grüsse Euch als einen gefürchteten Mann. – Das Geheimnis Eures Namens bleibt bei mir so sicher wie bei Euch selbst verschlossen.

RINALDO Aber, was kann Euch bewegen, mich, dessen Name und Tun so verrufen ist, einer Gesellschaft einzuverleiben, deren Mitglieder so edel, vornehm und ohne bürgerlichen Tadel sind?

MARCHESE Was kann uns hindern, Euch Freund zu nennen? – Und wenn wir Euch nun einen neuen Wirkungskreis anweisen, dessen beabsichtigter Erfolg ganz für unsern Plan berechnet ist? – – Alles das wird Euch mit der Zeit deutlicher werden.

RINALDO Ich spiele glücklicher bei diesem Spiele als Ihr. Ich kann dabei nur gewinnen.

MARCHESE Durch Euch gewinnen auch wir. Vorteil und Gewinn verketten sich bei uns. Darüber seid ohne sorge. – Ich gebe Euch den Bruderkuss. Rinaldo ging mit schweren Gedanken umher und hoffte auf Entwicklung eines Rätsels, dessen Deutung er, trotz aller Anstrengung, nicht finden konnte. – Er stattete Besuche ab, machte Bekanntschaften und wohnte Tischgesellschaften und Bällen bei, die sehr glänzend waren.

Von einer Zerstreuung zur andern gerissen, kam er so wenig zu sich, dass er nach und nach ganz vergass, Betrachtungen über sich und seine Lage anzustellen.

Unter den Damen, die er kennenlernte, waren ihrer zwei, die seine Aufmerksamkeit besonders fesselten. Ein fräulein von hoher Schönheit, die einzige Tochter des baron