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auf und sah ein paar Menschen neben sich stehen, deren Äusserliches sehr mit dem Ansehen seiner ehemaligen wilden Kameraden übereinstimmte.

"Wer bist du?" fragte der eine.

"Wie ihr seht, ein Pilger", – war Rinaldos Antwort.

"Wohin willst du?"

"Zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau nach Cosenza."

"Kannst du nichts Klügeres tun?"

"Ich bin krank und schwach und hoffe dort Hilfe zu finden."

"Wir wollen dir den gang erleichtern. Zieh deine Börse und liefere sie uns aus."

"Wer seid ihr?"

"Wir sind Menschen, die sich auf eine kluge Art zu nähren suchen."

"Ich habe nur wenig Geld bei mir."

"Nicht lange expostuliert! Wir haben keine Zeit, uns in gespräche einzulassen."

"Habt ihr von dem berühmten Rinaldini gehört?"

"O ja!"

"Dieser liess keine armen Pilger plündern. Sein Freund Cintio traf einst" –

"Cintio?"

"Warum fällt euch dieser Name auf?"

"Warum sollte er uns nicht auffallen? Eben so heisst unser Hauptmann."

"Euer Hauptmann? – Wo ist er? Führt mich zu ihm. Er kennt mich. Ich habe ihm einst einen Dienst erwiesen, den er mir zu vergelten versprochen hat. Jetzt ist die Zeit da, wo er Wort halten kann."

Die beiden Staudenhechte sahen sich schweigend an, und Rinaldo wankte auf. Er ergriff seinen Pilgerstab und machte sich marschfertig.

"Nicht vom platz!" – schrie ihm der eine zu und streckte ihm seine Pistole entgegen.

"Ich verlange zu euerm Hauptmann geführt zu werden", – sagte Rinaldo gefasst. – "Dieser wird mich nicht bestehlen lassen."

"Kerl! rede nicht so frech."

"Fürchtet ihr, ich würde euch verklagen, so gebe ich euch mein Wort, es soll nicht geschehen. – Ihr schweigt? – Bursche! ich halte Wort. – Ich ehre euch hoch, wenn ich euch bitte, mich zu Cintio zu führen."

"Oho! über die hohe Ehre!"

"Ich schwöre es euch zu, Cintio wird euch wohl belohnen, wenn ihr mich zu ihm bringt. Ich bin ein Mann" –

"Das sehen wir. Aber zum Hauptmann führen wir dich nicht. – Deine Börse, oder eine Kugel durchs Hirn. Wähle!"

"Schiesst, wenn ihr Mut habt. Ich bin Rinaldini."

Mit einem Tempo streckten beide ihre Gewehre und legten sie zu seinen Füssen nieder.

"Ich halte Wort. Führt mich zu euerm Hauptmann. Überdies schenke ich einem jeden von Euch zehn Dukaten."

Die Kerle sprangen freudig hoch auf, warfen die Hüte in die Luft, küssten ihm die hände und führten ihn mit sich fort. – Als sie sahen, dass Rinaldo so matt war, schlugen sie ihre hände ineinander, liessen ihn sich auf ihre arme setzen und trugen ihn bis zu Cintios Residenz. Diese Residenz war eine geräumige Höhle, vor welcher Cintio jetzt unter einem Gezelte campierte. Er hatte sich auf ein Feldbett gestreckt und dachte eben an Rinaldo, als er den seltsamen Zug ankommen sah. Seine Leute setzten den verkappten Pilger vor dem Feldbette nieder, und der eine sagte:

"Hauptmann, das war eine kostbare Last. Diesen, den wir dir hier bringen, hätten die Sbirren nicht so sanft getragen als wir. Hier ist er. Sieh ihn selbst an und sage uns, wer er ist?"

Cintio warf seine Augen auf Rinaldo und konnte kein Wort sprechen. Eine Ahnung flog durch seine Seele, und eine unerklärbare Ungewissheit nahm ihm die Sprache.

"Kennst du mich nicht mehr?" – fragte Rinaldo mit schwacher stimme.

Schnell flog Cintio auf ihn zu, drückte ihn an seine Brust, und eine Träne zitterte aus seinem Auge über die braune Wange hinab. Still und betroffen standen seine Kameraden um ihn herum, und er schrie laut auf:

"Sehe ich dich wieder, Rinaldini, mein Freund? Höre ich dich wieder sprechen? Und es ist kein Traum?"

Wie aus einem mund schrien die Umstehenden zugleich:

"Es lebe der grosse Rinaldini und Cintio sein Freund, unser wackerer Hauptmann!" Als es zu einer ruhigeren Unterhaltung unter vier Augen kam, teilte Rinaldo seinem Freunde seine Geschichtserzählung mit. Dieser unterbrach ihn in seiner Erzählung mit keinem Worte; als aber dieselbe geendigt war, begann er:

"Sieh, Rinaldini, nun wirst du endlich doch wohl glauben, dass wir nicht mehr unter die Menschen taugen?"

RINALDO Ich bin davon überzeugt und habe es empfunden.

CINtIO Lass uns in einsamen Tälern und Wäldern leben und die hochgetürmten, belebten Städte fliehen. Auf Kalabriens Boden gedeihen unsre Werke. Die natur scheint dieses Land für uns geschaffen zu haben. Je tiefer wir hineinkommen, je bessere wohnung finden wir, und an Unterhalt kann es uns nie fehlen. Ich stehe an der Spitze von achtzig Mann und kann deren mehrere haben, wenn ich will. Ich trete dir meine Hauptmannstelle ab. –

RINALDO Behalte, was dein ist. – Mich lass als Klausner einen der verstecktesten Winkel Kalabriens bewohnen.

CINtIO Bist du klug? – Könnte man dich nicht erkennen und dich so wehrlos, wie du dann bist, in die arme der holden Justiz werfen? Aus deiner Erzählung sehe ich, dass du einen Feind hast, der gewiss zu fürchten ist. Spürt dich