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RINALDO So kennen wir uns nicht mehr.
Er drehte sich langsam herum, ging und eilte in den Hafen. Auf dem Wege dahin traf er ganz unvermutet auf den Kapitän, der ihm einen Wink gab und dem er unwillig an einen abgesonderten Platz folgte.
"Wir wollen", – sagte der Kapitän, "nichts von alten Sachen sprechen, und was geschehen ist, sei geschehen, was vergangen ist, sei vergangen. Jetzt ist die Rede von dem Gegenwärtigen. Ich bedarf Geld und nehme in dieser gegenwärtigen Angelegenheit meine Zuflucht zu Euch, da ich weiss, dass Ihr mit dem, was mir fehlt, versehen seid. Ihr leiht mir 2000 Stück Dukaten, und ich setze Euch meine Verschwiegenheit als Pfand ein. – Die Sache sieht eigentlich einer Prellerei so ähnlich wie ein Ei dem andern, sie ist's aber nicht. – übrigens, wenn Ihr die Signora Olimpia ebensogut zu benutzen versteht, als sie den Prinzen della Torre vermutlich benutzen wird, so ist meine Forderung wirklich nur eine Anleihe auf ein weit besseres Kapital."
"Ich weiss" – antwortete Rinaldo, – "was ich Euch zu verdanken habe und was ich Euch schuldig bin. Ich weiss, welchen entschiedenen Anteil Ihr an mir und an meinem Schicksal nehmt und bin Euer Schuldner. Wenn ich Euch 2000 Dukaten gebe, so bitte ich Euch, dieselben als ein kleines Geschenk meines lebhaften Dankes anzunehmen. Bis übermorgen sollt Ihr, was Ihr verlangt, haben."
"Freund", – fuhr der Kapitän fort, – "meine Bedürfnisse sind, wie gesagt, dringend. Die Summe hätte ich lieber heute noch als morgen oder übermorgen."
"Nun! so will ich zusehen, Euch das Geld bis morgen Abend zu verschaffen, da ich Kostbarkeiten verwechseln muss, wo ich Euch bei mir zu sehen hoffe."
Er nahm mit einer stummen Verbeugung von dem Kapitän Abschied, der ihm schweigend nachsah, und ging in den Hafen. – Hier lag ein segelfertiges Genuesisches Schiff, das in einigen Stunden die Anker zur Abfahrt lichten wollte. Es wollte nach Malta. – Rinaldo sprach mit dem Kapitän des Schiffes und machte ihm sein Verlangen, bei ihm an Bord zu gehen, bekannt. "Ich werde Euch", – sagte der Schiffskapitän, – "mit Vergnügen aufnehmen. Erlaubt mir aber, Euch etwas zu sagen, das Ihr vielleicht noch nicht wisst und das ich soeben erst erfahren habe. Es ist seit einer Stunde hier im Hafen der allgemeine Befehl publiziert worden, keinen Passagier bei Strafe der Konfiskation der Schiffsladung aufzunehmen, der nicht dazu einen Erlaubnisschein von der Stadtpolizei vorzeigen kann. Ich weiss nicht, worauf das zielt. Es muss sich etwa eine verdächtige person, an der etwas gelegen ist, in der Stadt befinden, die sich davonmachen will und der man nachspürt."
"Das wird's auch sein!" – antwortete Rinaldo anscheinend gelassen, unter heftigem Herzklopfen. – "Ich werde mir also einen Erlaubnisschein geben lassen."
ängstlich und unruhig erreichte Rinaldo wankend und wie ein Träumender sein Haus.
"Wird es denn" – sprach er bei sich selbst, "auf einmal so hell um dich! O geh zurück und verbirg dich in das Dunkel deiner Höhlen und Wälder."
Lodovico war auf seinem Zimmer. Er fand ihn, als er eintrat, mit Rosalien im Gespräch. – Er erzählte, was ihm in dem Hafen begegnet war. Rosalie zitterte, Lodovico wurde verlegen. Man sah sich an und sprach nicht.
Endlich begann Rinaldo und schien wieder zu Fassung gekommen zu sein:
"Lodovico, du bist ein ehrlicher Kerl. Dir vertraue ich das Mädchen und diese Koffer an. Bringe sie in Sicherheit. Ich entferne mich in der grössten Stille aus Neapel. Ihr kommt mir nach. – Zu Cosenza ist der Sammelplatz, wo wir uns auf jeden Fall treffen. – Ich weiss es gewiss, dass mein Aufentalt hier verraten ist. Meine person muss ich also zu retten suchen. Ihr werdet unbemerkt reisen. Ich hoffe, mich durchzuschleichen."
Hierauf warf er sich in Pilgerkleider, nahm so viel Edelsteine, als er schicklich vernähen und verbergen konnte, zu sich und verliess ohne Verzug seine wohnung.
Lodovico schwur ihm Treue zu. Rosalie zerfloss in Tränen. Rinaldo verliess unangehalten die Stadt und nahm seinen Weg auf Salerno zu. – Er erlaubte sich keine langen Ruhepunkte und verfolgte seinen Weg bis Clavimonte, wo er, auf das äusserste ermattet, ankam und wider Willen ein bleibendes Ruhelager aufschlagen musste. – In einer elenden Herberge kämpfte er mit Leibesschmerzen und Seelenangst. Seine Füsse waren wund, durcheitert und geschwollen, und in seiner Brust tobte es heftig. Er wünschte sich den Tod und getraute sich nicht, ihn herbeizurufen.
Ein rechtschaffener Arzt nahm sich seiner an, stillte seine körperlichen Schmerzen und suchte ihn durch freundschaftliche Unterhaltungen aufzuheitern. Das erstere gelang ihm ganz, das letztere kaum zur Hälfte.
Rinaldo machte sich endlich wieder auf den Weg und eilte den Gebirgen von Mormando zu, durch welche er nach Cosenza gehen wollte. Er ging an mancher Klause vorüber und gedachte seines Freundes Donato. Jedes Kloster erinnerte ihn an Aurelia, und jede wilde Gegend war ihm ein Schauplatz seines Lebens in den Apenninen.
Einst warf er sich, von der Hitze des Tages gedrückt, bei einer Quelle unter einigen Pappeln nieder und überliess sich stillen Betrachtungen, als er ganz unvermutet von einem nahen Geräusch aufgeschreckt wurde. Er blickte