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das dir zu verschaffen ist, so sollst du es haben, und sollten wir es mit Aufopferung unseres Lebens für dich aufsuchen müssen. Sind es aber nur Grillen, die dich plagen, so bitten wir dich, verbanne sie, und mache uns nicht mit dir zugleich missmutig."

Einige Augenblicke sah Rinaldo sich schweigend in dem Kreise um, der ihn umgab, dann sprach er: "Habt ihr die Erklärungen der Republiken Venedig, Genua und Lucca gelesen? Sie sind öffentlich bekanntgemacht worden. Ein Preis steht auf meinem kopf."

"Lass ihn stehen, Hauptmann!" – schrien alle, wie aus einem mund; – "es wird ihn niemand erhalten."

"Wer will dir ein Haar krümmen" – sagte Girolamo, – "so lange wir bei dir sind?"

Er sprach's und schwang den Säbel. Alle folgten seinem Beispiele und schrien:

"Blut und Leben für dich, Hauptmann! Treue bis in den Tod."

Altaverde legte den Teilungszettel vor. Man teilte und war zufrieden. – Nach Tische wurde wieder gespielt, gesungen, gelärmt und getanzt.

Rinaldo lag unter einem Baume, als sich ihm Fiorilla, eine Amazone seiner Bande, nahte. Sie setzte sich bei ihm nieder und putzte ihre Pistolen.

SIE Der Preis, den man auf deinen Kopf gesetzt hat, Hauptmann, ist es nicht allein, der dich unmutig macht. Ein Mann, wie du, zittert nicht vor entfernten Dingen. Ich glaube, das, was dich drückt, ist viel näher. – Was dir fehlt, fehlt, glaube ich, deinem Herzen.

ER Dem fehlt freilich so mancherlei!

SIE Vor einem halben Jahre ging es mir ebenso. – Jetzt wird es wohl vorüber sein. – Ich Törin hatte mich damals in dich verliebt.

ER In mich?

SIE Ich dächte doch, du hättest es merken müssen.

Sie warf, als sie das sagte, die Pistolen auf die Erde und stand auf. "Ich dachte schlechterdings", – setzte sie hinzu, – "ich müsste die Geliebte des Hauptmanns sein"; – und ging.

Rinaldo sah ihr nach, erhob sich von seinem unsanften Lager und gab das Zeichen, nach welchem sich seine Leute sogleich um ihn herum versammelten.

"Es ist mein Plan", – sagte er, – "in die Gebirge von Albonigo zu rücken. Wir brechen sogleich auf. Zieht die Posten ein und lagert euch diesen Abend noch ins Tal der Kapelle St. Giakomo. Morgen Mittag seid ihr in der Ebene der vier Berge von la Cera. Gelingt mir mein Vorhaben, so führen wir einen kühnen Streich aus."

Alle jauchzten laut auf und packten zusammen. Die Posten wurden eingezogen und Girolamo ging mit dem Vortrab ab. Dann folgte Altaverde mit dem Corps, und Cintio führte den Nachtrab an. Bei welchem zug Rinaldo sein wollte, wusste niemand.

Er nahm seine Guitarre und sein Gewehr und ging in Begleitung zweier Hunde der Gegend zu, nach welcher vorige Nacht der Greis zugegangen war. Bald fand er einen Fussweg und erblickte, als schon die Schatten länger wurden, zwischen büsche, nahe an einem Bergrücken, ein kleines Hüttendach. Er ging darauf zu und hatte es noch nicht erreicht, als er den bekannten Greis gewahr ward, der Wurzeln ausgrub.

Sie grüssten einander, wie es schien, beiderseits verlegen. Endlich fragte der Alte, indem er sich zu fassen suchte:

"Hast du die Landstrasse noch nicht gefunden?"

"Noch suchte ich sie nicht"; – antwortete Rinaldo. – "Aber dich habe ich aufgesucht, um dich um ein Nachtlager zu bitten."

DER ALTE Du kannst bei mir übernachten, aberaber zu bequem wirst du eben nicht ruhen.

RINALDO Wer ruhen kann, ruht immer bequem. – Ich bin kein Weichling. Du hast gesehen, dass ich vorige Nacht ziemlich hart lag. –

DER ALTE Wenn du vorliebnehmen willst, wie du mich findest, so kannst du mir folgen.

Rinaldo folgte ihm schweigend, und sie kamen in die Klause. – Reinlich und nett war das enge Stübchen, in welches Rinaldo geführt wurde. Ein Paar Tischchen und einige Stühle waren der ganze Hausrat, der hier zu sehen war. Auf dem einen Tische lag eine Lateinische Bibel, und ein Kruzifix stand darauf. Auf dem andern lag ein weibliches Strickzeug. Das fiel Rinaldo anfangs auf, aber, dachte er endlich, es ist wohl auch möglich, dass der Alte selbst strickt. – Indes räumte dieser doch das Strickzeug weg, als er bemerkte, dass sein Gast dasselbe mit grösserer als gewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete. Rinaldo wagte es nicht, ihn zu fragen, ob dies seine eigene Arbeit sei, und der Alte verliess auf einige Zeit die stube.

Als er mit einer angezündeten Lampe wiederkam, zog Rinaldo ein paar Bouteillen Wein aus den Taschen, setzte sie auf den Tisch und sagte:

"Bei einem Glase Wein wollen wir uns näher kennenlernen."

"Eine Bekanntschaft" – antwortete der Alte, – "die von ein paar rechtlichen Menschen bei einer Flasche Wein gemacht wird, ist nicht selten so herzlich geworden, als der Wein selbst der herzlichste Trank ist, den der Himmel den Menschen gegeben hat. – Er wird das Beste bei unserer Abendmahlzeit sein, denn ich kann meinem gast weiter nichts vorsetzen als ein Stück Käse und Brot, etwas Butter und eine Melone, die ich eben heute erst abgeschnitten habe