Donnern der Kanonen verkündigte die Ankunft eines schiffes. Es setzte sein Boot aus; die Passagiere stiegen ans Land. Er wandelte unter dem Gewühle der Fremden, der Matrosen und Lastträger umher und fühlte sich auf einmal von hinten umfangen. Er drehte sich herum und Rosalie, in männlichen Kleidern, warf sich in seine arme.
Schrecken und Erstaunen fesselten ihm die Zunge. Rosalien liefen Tränen über die Wangen und freudig rief sie aus:
"Gott sei gelobt! Ich habe dich gefunden!"
Um kein aufsehen zu erregen, führte sie Rinaldo in seine wohnung. Zwei Koffer, die sie mit sich gebracht hatte, wurden ihr nachgetragen.
Rinaldo schickte seinen Diener aus und verschloss die Tür. Als Rosalie zu sich gekommen war, fing sie an zu erzählen:
"An dem schrecklichen Tage, an welchem wir von allen Seiten angegriffen wurden, hatte ich das Glück zu entkommen. Ich floh in die Gebirge und kam endlich nach Avezzo, wo mich ein altes, gutes Mütterchen zu sich nahm. Schrecken und Kummer wirkten so sehr auf mich, dass eine frühzeitige Niederkunft mich aufs Krankenlager warf. Meine gute natur siegte aber, und ich war kaum auf den Beinen, als ich nach Livorno eilte, wo ich zu Schiffe ging mit dem festen Vorsatz, den ganzen unteren teil von Neapel zu durchstreifen, wo ich dich gewiss zu finden hoffte. Und, die heilige Jungfrau sei gelobt, ich habe dich gefunden. – In diesen Koffern steckt so viel von deinen in den Apenninen vergrabenen Schätzen, als mir möglich war aufzufinden. Ich freue mich herzlich, dass ich es dir geben kann."
Rinaldo umarmte sie zärtlich und dankte ihr ihre Treue mit unzähligen Küssen. In diesem Augenblick beschloss er, Neapel so bald wie möglich zu verlassen.
"Jetzt bin ich reich und glücklich durch dich, geliebtes Mädchen!" – jauchzte er laut, – "und du sollst es mit mir werden."
Von der Reise ermüdet, hatte sich Rosalie zur Ruhe gelegt, als das bekannte hübsche Mädchen der schönen Unbekannten bei Rinaldo eintrat. Sie brachte ihm folgendes Briefchen:
"Die, die dich herzlich liebt, die du nicht mehr Aurelia, aber deine dir Ganzergebene, deine zärtliche Olimpia nennen sollst, wünscht, so glücklich zu sein, dich bei sich zu sehen. Das Mädchen wird dich zu ihr führen."
Rinaldo bedachte sich ein wenig und beschloss endlich, um dieser zärtlichen Signora, deren Rachegrundsätze er kannte, keinen Verdacht zu geben, dem Mädchen zu folgen.
"Da du ohnehin Neapel bald verlassen wirst", – sprach er bei sich selbst, – "kannst du immer zu ihr gehen. Es ist vielleicht ohnehin das letztemal, dass dies geschieht."
Er ging mit der leitenden Iris und wurde von ihr kaum hundert Schritte von seiner wohnung in ein artiges Haus geführt, wo ihn Olimpia erwartete. Die Kleidung, in der sie ihm entgegenflog, war keine Kleidung, und ihr Empfang war eine Art von wütendem Ansichreissen, die den blödesten Schäfer von der Welt unternehmend gemacht haben würde. Rinaldo nahm sich soviel wie möglich zusammen und setzte ihrem Ungestüm einen grossen Grad von Kälte entgegen.
SIE Was ist das? Erwiderst du auf diese Art meine Küsse?
ER Es sind vier Tage, seit ich nicht das Glück haben konnte, die schöne Olimpia zu sehen.
SIE Es sind für mich vier Ewigkeiten gewesen.
ER Doch?
SIE Nicht in diesem Tone! – Ich konnte dich nicht eher wiedersehen. – Von jetzt an ist keine Stunde mehr in meinem Leben, die nicht dein wär. – Undankbarer! wenn du wüsstest, was ich getan habe. –
ER Lass mich wissen, was das ist, das du getan hast. – Olimpia wird verzeihen, wenn ich –
SIE Kein Wort weiter! Dieser Ton gehört nicht hierher, wo Glück und Liebe dich erwarteten. Ich kann auch wohl eines Mannes üble Laune ertragen, wenn ich ihn so liebe wie dich. Aber Kälte und diese Sprache ertrage ich nicht. – Ich weiss, welche Forderungen mir an dir zu machen erlaubt sind, also darf ich dir sagen, dass dieser Ton, in welchem du dir mit mir zu reden erlaubst, mich beleidigt. – Jetzt verteidige dich.
ER Ich erwarte erst Olimpias Verteidigung. Die meinige kann dann der ihrigen leicht folgen. Seit vier Tagen –
SIE Sprich nicht von Tagen, wenn von Liebe die Rede ist, und taxiere meine Empfindungen nicht nach dem Glockenschlage. Was ins Unendliche reicht, zählt man nicht nach Zeiträumen von vierundzwanzig Stunden. – Ich bestehe darauf, deine Verteidigung zu hören.
ER Und ich die deinige. Mein Recht ist älter als das deinige, weil die Beleidigung, von der ich zu sprechen habe, älter ist.
SIE Bist du wirklich beleidigt?
ER Ich müsste dich nicht lieben, wenn ich es nicht wäre.
SIE Kannst du mir Geheimnisse lassen?
ER Jetzt nicht.
SIE Hast du selbst keine für mich?
ER Die Zukunft wird diese Frage beantworten.
SIE So beantworte diese auch deine Forderungen an mich.
ER Da du mir ausweichst, so vermehrst du meinen Verdacht selbst.
SIE Welchen kannst du haben?
ER Jeden, den ein Verliebter haben kann, dessen Blicken sich seine Geliebte auch nur auf einige Sekunden, geschweige denn auf vier Tage, entzogen hat.
SIE Diese notwendigkeit hängt mit meiner geschichte zusammen.
ER Nun bin ich befriedigt!
SIE Dieses bittere Lächeln verstehe ich. – Mann! bringe